November 15, 2009

Schrecken ohne Enke

Über den Umweg eines prominenten Todes drangen sie doch noch mal in die öffentliche Sprache der komplett säkularisierten Gesellschaft ein: christliche Motive und eine Sakralität, die offensichtlich vielen Menschen, ein zwei mal im Jahr gern genießen. Es war eine Party in schwarz, der Tod und die Trauerfeiern für Robert Enke. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und der Satz wäre gefallen: Er ist für uns gestorben, stellvertretend für uns, um uns von unseren Sünden zu erlösen. “Er war ein ganz besonderer Mensch”, so hieß es. Und diese Besonderheit habe ihn getötet in einer kalten Welt.

Und auch wenn der Satz nicht fiel: So – mit einer nahezu religiösen Verehrung eines Toten – haben wohl viele empfunden.

Religiöse Motive und solche aus Popmythen – die besten sterben jung – sowie Versatzstücke aus 40 Jahren Gesellschaftskritik: Das war die Trauerfeier für Robert Enke.

Der Tod Enkes war ein einziges Festival und ein Triumph des deutschen Protestantismus, der immer schon schwere Verdachtsmomente hegte gegen die angebliche Kälte der Gesellschaft, ihre Leistungsethik, gegen den Individualismus, der an all dem Schuld sein soll. Und auch die selbstverständlich ihre individuelle Freiheit genießen, sind gleichzeitig der Meinung: nein, so kann es nicht weitergehen, wir brauchen mehr Gemeinsinn. Ein komplett abstrakter Gedanke, aus dem nichts folgt und den keiner verwirklichen will, noch kann. Nein, die Menschen waren gerührt davon, dass sie zur Rührung fähig waren. Sie waren von sich selbst gerührt. Mehr nicht. Das ist in Ordnung. Aber es folgt eben nichts daraus.

Schon gar nicht die endlos propagierte Idee, man müsse unsere Gesellschaft ändern, damit sie endlich menschlich werde.

Enkes Gedenken wurde zu einem Tribunal gegen die moderne westlichen Gesellschaft. Eine Trauerfeier als antikapitalistisches Tribunal. Sowas kriegen nur Deutsche hin.

Die moderne Leistungsgesellschaft habe Enke zu Tode gebracht. Nicht er sich selbst.

Wie sehr ein solches Reden auf offene Ohren stößt, konnte man in diesen Tagen beobachten. Es ist dasselbe Phänomen wie jenes, das der Linkspartei von Erfolg zu Erfolg verhilft: Man muss das angebliche Elend und den kurz bevorstehenden Untergang der Marktwirtschaft gar nicht mit eigenen Augen sehen oder Beweise dafür präsentiert zu bekommen, um trotzdem daran zu glauben.

Genauso war das bei Enke: Viele, die gestern im Stadion waren, werden morgen zur Abeit gehen. Sie werden um 9 Uhr hin und um 18 Uhr wieder nach hause gehen. Sie haben Kündigungsschutz und vielleicht Weihnachtsgeld. Es gibt Betriebsräte und Betriebspsycholgen. Obwohl die meisten Menschen, wenn sie nicht Investmentbanker, oder Bundeswehrsoldat in Kunduz oder Gehirnchirurg sind, keinem übermäßigen Druck ausgesetzt sind, werden diese nine-to-five-Menschen morgen in dem Bewußtsein beim Feierabendbier sitzen, in einer extrem unmenschlichen Leistungsgesellschaft zu leben, die Robert Enke letztlich das Leben gekostet habe.

Die gestrigen Reden haben diese Idee direkt und indirekt genährt. Immer abstrakter und diffuser wurden die angeblichen Beweise für die Unmenschlichkeit der Leistungsgesellschaft. Christian Wulff machte schlichtweg “Angst” als großes Problem in unserer Gesellschaft aus. Ein ARD-Beitrag stellte eine Verbindung zwischen Enke und Opel-Arbeitern her, die ehrliche Arbeit leisteten, die aber durch kalt in Amerika getroffene Managemententscheidungen “nicht gewürdigt” würden, wodruch “Depressionen” entstünden.

Fast alle Redner sahen soziale Kälte am Werk, mangelndes Interesse der Menschen untereinander, mangelnder Zusammenhalt.

In diesem Zusammenhang möchte man nur darauf hinweisen, dass der inzwischen ja unter diesem Aspekt rehablitierte Kuschelstaat DDR, der ja diesen sogenannten Zusammenhalt hatte, und der seine Bürger in allerlei kollektive soziale Beglückungsvereine zwängte, dass diese DDR nach Ungarn die zweithöchste Selbstmordrate der Welt hatte (das ist keine Erfindung des Films “Das Leben der Anderen”)

Und wenn Christian Wulff sagt: “Die Welt ist nicht im Lot”, dann möchte man zwar zustimmen, kriegt aber sofort Angstschweiß angesichts des Gedankens, dass Wulff auf die Idee kommen könnte das mit Mitteln der Politik zu ändern. Immer wenn die Politik auf die Idee kam und die Hybris entwickelte, sie könne die Welt “ins Lot bringen”, standen wir mit einem Bein im Totalitarismus. Das ist auch der Grund, warum bei Menschen wie Al Gore, der das auch glaubt, totales Unbehagen aufkommt.

Nein, Christian Wulff wird nichts unternehmen, um “die Welt ins Lot” zu bringen. Und weil das so ist, weil das quasi die angenehme Geschäftgrundlage zwischen Regierenden und Regierten ist, und weil das alle wissen, deshalb waren die ganzen Apelle, die Gesellschaft menschlicher zu machen, zusammenzurücken, oder einfach nur mitzufühlen komplett hohl. Sonntagsreden am Sonntag.

Politik heißt: Gesetze machen. Welches Gesetz soll geändert werden, um in Zukunft Selbstmorde wie den von Enke zu verhindern? Wer wird morgen beim unsympathischen Nachbarn klingeln, um mal nach dem rechten zu sehen, er könnte sich ja umbringen?

Nichts wird sich ändern wegen Enke. Nicht im Leistungssport. Nicht in “der Gesellschaft”. Nirgendwo. Nicht heute und nicht morgen.

Jämmerlich ist das Bild des deutschen Protestantismus, der sich mal auf seine Kernaufgaben konzentrieren sollte: religiöse Ansichten verbreiten, nicht politische, die von Linkspartei und SPD ja schon ausreichend vertreten werden. Anstatt erst einmal im christlichen Motivfundus zu suchen und daraus Bilder des Trostes zu suchen, gibt er sich sofort politisch, weniger Kirche als politische Partei. Eine Sozialdemokratie im Talar, die unermüdlich “die Gesellschaft” anklagt.

Man mag darüber lachen. Aber es war Stevie Wonder, der am Sarg von Michael Jackson Worte fand, die sich eben nicht im Fundus vulgärpsychologischer Gesellschaftskritik bediente, sondern in der hierzulande wahrscheinlich als amerikanisch-naiv empfundenen Mystik: “Auch wenn wir wissen, dass wir Michael hier dringend auf der Erde brauchen, so müssen wir einsehen: Gott hat ihn wohl bei sich sehr viel mehr gebraucht.”

October 26, 2009

Kommt die “innere Einheit”, wandere ich aus

20 Jahre ist es her, dass erboste Menschen in die westlichen Fernsehkameras plärrten: „Wir sind 40 Jahre lang nur belogen und betrogen worden.“ Das waren Ostdeutsche, nicht selten 20-jährige, die also 20 Jahre länger betrogen worden waren, als sie zum damaligen Zeitpunkt auf der Welt waren. Heute können wir von einer derartigen, in der Euphorie der Freiheit ausgedachten, lässlichen Übertreibung nur träumen. 20 Jahre nach dem Mauerfall müssen wir feststellen: Die DDR ist bei vielen Ostdeutschen rehabilitiert. Und die DDR hat in das neue Gesamtdeutschland diverse Erbschaften eingebracht, auf die man lieber verzichtet hätte.
1.   Die Rückkehr des Kollektivgedankens. Die Deutschen sind bekanntlich ein Volk, das den Individualismus und den Liberalismus nicht sonderlich schätzt, ja ihn verdächtigt, das Große Ganze zu zersetzen, also schädlich zu sein. In der Bundesrepublik war es in 40 Jahren Verwestlichung tatsächlich und mit amerikanischer Hilfe gelungen, eine durchaus individualisierte Gesellschaft zu schaffen, die hedonistische Züge trug. Die vielgeschmähte Konsumgesellschaft hat in Wahrheit diesen Prozess befördert und befruchtet. Selbst die „postmaterialistischen“ Milieus, die sich gegen diese Gesellschaft bildeten, haben den Hedonismus befördert, gegen den sie angetreten waren. Auf diese Weise, meistens gegen etwas, haben sich unzählige Milieus und Unter-Milieus in der Bundesrepublik herausgebildet. Einen Kollektivgedanken, der das Ganze zusammenhielt brauchte es nicht. Vielleicht war der einzige Gedanke, den alle Westdeutschen hatten der: Bloß weg hier. Westdeutschland wurde Reiseweltmeister. Diese Entwicklungen hat es in Ostdeutschland nie gegeben. Stattdessen haben die Ostdeutschen mehrere, untergegangene oder als abgeschwächt eingeschätzte Urgedanken wieder hervorgebracht. Der starke Staat. Die Notwendigkeit eines übergeordneten Kollektivgedankens, der alles zusammenhält. Leider hat die westdeutsch dominierte Politik dies nicht bekämpft. Stattdessen müssen wir regelmäßig Wasserstandsmeldungen über die Verwirklichung von etwas ertragen, was jeder pluralistischen Gesellschaft komplett fremd sein müsste: der „inneren Einheit“. Was damit gemeint ist, war nie ganz klar. Offensichtlich soll es aber mehr sein als Verständigung aufs Grundgesetz, irgendeine Art des blinden Verständnisses, eine Art Gedanken-, Mentalitäts- und Lebensstilgleichheit zwischen Rostock und Garmisch. Sagt Bescheid, sollte „die innere Einheit“ jemals verwirklicht sein. Dann wandere ich aus. Denn die „innere Einheit“ ist mit einer pluralistischen  Gesellschaft unvereinbar.

2.   Die Rückkehr des Nationalgedankens. Seit der Wiedervereinigung kommen immer wieder öde Diskussionen auf, wie es denn ums deutsche Nationalgefühl bestellt ist. Irgendwie sollte seit 1989 etwas Neues kommen, der bewährte „Verfassungspatriotismus“, der als Nationalgefühl genug ist, reichte Leuten wie der Arnulf Baring oder Matthias Matussek nicht mehr aus. Damit passierte etwas neues: Das deutsche Nationalgefühl sollte nicht entstehen dürfen, oder eben nicht, es wurde gefordert und zwar an den Schreibtischen einer neuartigen Nationalgefühl-Erschaffungsindustrie, die – das ödeste aller öden Argumente – auch hier „den 68ern“ die Schuld geben, dass sympathische Deutsche auch nach 1989 morgens nicht zum Fahnenappell antreten. Der gute, alte Verfassungspatriotismus ist in die Defensive geraten, die Fahne soll wehen, der Stolz soll sprießen. Das gab es vor 1989 nicht. Wir brauchen keinen neuen Patriotismus. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir eine endgültige Verwestlichung Ostdeutschlands hinbekämen. Und in einigen Landstrichen Sachsens zivilisatorische Standards durchgesetzt würden, zum Beispiel die, dass man Andersdenkende nicht totschlägt. Das Westdeutschland des „Verfassungspatriotismus“ der 70er und 80er Jahre war das beste Deutschland, das es je gab. Wir sollten es bewahren und endlich östlich der Elbe installieren.

3.   Die Rückkehr der DDR. Es ist eine niederschmetternde Tatsache, dass man im Jahr 2009 wirklich diskutieren muss, ob die DDR ein „Unrechtsstaat“ war. Was sonst ist ein Staat, der Eltern die Kinder wegnimmt und zur Zwangsadaption freigibt, an dessen Grenzen „Menschen wie Karnickel abgeschossen“ wurden (ARD-DDR-Korrespondent Lothar Loewe 1977) und das hunderte von Menschen umgebracht hat. Die DDR war nicht nur ein Unrechtsstaat, sie war die zweite totalitäre Diktatur auf deutschem Boden. Im totalitären Staat ist alles durchdrungen, also nichts unschuldig. Kita-Plätze? Dienten dazu, Kinder möglichst früh „zur sozialistischen Persönlichkeit“ zu erziehen. Billiges Brot und Wohnungen und Arbeit für alle? Alles subventioniert, und zwar indirekt vom prosperierenden westdeutschen Staat mittels Zwangsumtausch, Autobahnpauschale, zinslosen Krediten und Franz-Josef Strauss’ Milliardenspritzen (1983/84). Wahrscheinlich wäre die DDR schon 1984 zusammengebrochen, hätte Westdeutschland sie nicht gepäppelt. Wäre sie doch: denn so ist ein Mythos entstanden, man könne Brot für Pfennigbeträge verkaufen, Wohnungen für ein paar Mark vermieten, ohne dass man eine funktionierende Wirtschaft hat. Vielleicht sollte man Sahra Wagenknecht mal sagen, dass die billige Wohnung, die für sie der Beweis für die erstebenswerte “gute” DDR ist, die halt auch einige Fehler hatte, vom Westdeutschen Steuerzahler finanziert wurde. Die DDR hatte keine Fehler – sie war ein Fehler.



Nein, an der DDR war nichts erhaltenswert, nichts hat funktioniert, nichts wäre es wert gewesen, in Gesamtdeutschland eingebracht zu werden. Das nie deutlich ausgesprochen zu haben und stattdessen indirekt einen Mythos von der ganz netten Diktatur DDR zugelassen,  ja befördert zu haben – das ist das schwere Erbe, das die deutsche Politik im Jahre zwanzig nach der „Wende“ zu verantworten hat.


September 29, 2009

Der letzte Sozialdemokrat: Christian Rach

Die Idee der Sozialdemokratie war immer: Der Aufstieg des Facharbeiters. Aber auch: Die Würde des Facharbeiters, sei es, dass er am Band steht, sei es, dass er als Vorarbeiter nicht mehr selbst im Dreck steht. Die Arbeitsteiligkeit der Gesellschaft wird damit akzeptiert: Aus Unten wird nicht immer Oben, aus dem Dreher kein Intelektueller. Trotzdem hat der Facharbeiter seine eigene Würde, auch wenn er nicht aufsteigt.

Genauso agiert der “Restauranttester Christian Rach”. Die Sendung, Montags auf RTL, ist eine besten Sendungen im deutschen Fernsehen. Sie ist Milieudrama, Vorher-Nachher-Show, Entwicklungsroman und auch Sternstunde des Humanismus: Denn obwohl sich der Gesamt-Plot der Sendung, der Dialekt und teilweise die Prolligkeit des Personals, die Provinz als ideales Objekt einer Denunziation eignet, geht Christian Rach mit sozialdemokratischem Ideal und unbeirrbarem Humanismus vor: Keiner bleibt zurück, jeder kann etwas, doch keiner soll etwas werden, was er nicht ist und nie sein kann. Aus einem Buletten-Kneter wird kein Sternekoch werden, jeder soll das machen, was er am besten kann, jeder findet seinen Platz, auch wenn er nicht famos aufsteigt. Das ist die Würde des Facharbeiters. Das ist der Unterschied zum kalten “Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst”, der nietzeanischen Hybris der Motivationstrainer.

Christian Rach ist kein Motivationsrainer, Christian Rach ist Humanist. Provinz-Versteher. Pschoanalytiker. Kartoffelschäler. Schulterklopfer.

Das Privatfernsehen ist der Erfinder der Unterschichtsdenunziation. In zahlreichen Formaten darf sich das Unterschichten-Personalum Kopf und Kragen reden.

Mit “Restauranttester Christian Rach” hat das Privatfernsehen einen sozialdemokratischen Entwicklungsroman erfunden. Und das, da die Sozialdemokratie sich selbst seit Jahren selbst in die Pfanne haut.

September 17, 2009
September 16, 2009

Ich bin keiner von uns

Auf das unangenehm zwangskollektivierende “Wir” der CDU möchte ich mit Hans Magnus Enzensberger erwidern:

Ich bin keiner von uns.

September 9, 2009

Wer abziehen will, soll aufs Klo gehen

Salonsozialisten aller Länder, vereinigt Euch! Leute, die von realen Fronten keine Ahnung haben, bilden gerne Heimatfronten und das mit kitschig-pathetscher Belgleitmusik: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Abzug aus Afghanistan jetzt!

Die halten das für mutig, doch sie sind in Wahrheit Zyniker. Sie wollen nichts wissen davon, dass auch Unterlassung Schuld bedeutet. Das ist der entscheidende Punkt: Sie wollen sauber von Schuld bleiben (die man zweifellos auf sich lädt, wenn man Krieg führt), sie fühlen sich gestört vom afghanischen Volk in ihren muffigen Links-Biotopen.

Es ist nicht Mitgefühl für die Afghanen, es geht ihnen nur um sich selbst. Krieg ist häßlich. Krieg ist nicht sexy. Krieg stört in renovierten Altbauwohnungen das liberale Wohlbefinden.

Das linke Salonsozialisten-Milieu täuscht Interesse an der Welt nur vor. Kommt die Welt wirklich vor, z.b. in Form Afghanistan, fällt die Maske.

Sie fühlen sich halt gestört in ihren Scheingefechten, zum Beispiel jenes, eines der liberalsten Länder der Welt, Deutschland, noch liberaler zu machen, wenn es wirkliche Gefechte gibt, so wie in Afghanistan.

Die Linke, die einst Internationalismus predigte, hat sich nie wirklich für die Welt interessiert. Und wenn ja, waren die die falschen die Stars.

Mao und Ho Tschi Minh und Arafat.

Was man in den letzten Tagen über sich ergehen lassen musste, hörte sich an, wie in der Propagandaabteilung der Taliban erfunden. Und genauso ist es wohl auch: Das was passiert, haben die Taliban sich genauso vorgestellt. Wieder muss man an Bin Ladin denken, der einmal gesagt hat: Die liberalen Gesellschaften sind innerlich schwach, die haben nur eine scheinbare, äußere Stärke.

Er hatte recht.

Wer für den Abzug ist, muss halt dann auch diese illustre Geselschaft ertragen.

Peter Scholl-Latour, der mit seinen biologistischen Ausführungen über “den Afghanen” und “den Araber”, der halt keine Demokratie kann, haarscharf am Rassismus vorbeischlittert.

Gregor Gysi, Vertreter einer Partei, deren wichtigster bis heute bestehender Teil für die Erschaffung des zweitmilitaristischstem Staat auf deutschem Boden verantwortlich ist und der ernsthaft den deutschen pazifistischen Saubermann gibt.

Heribert Prantl, der schreibt, die Einschätzung Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt sei die törichste Formulierung der letzten Jahrzehnte.

Man möchte Prantl mal auf ein deutsches Handelsschiff stecken. Dann könnte er lernen, dass Deutschlands Sicherheit zum Beispiel sehr real am Horn von Afrika verteidigt wird.

Dann würde er verstehen, dass ein Problem, das man nicht löst, so wie Somalia 1993, einem später mit erheblichen Kosten um die Ohren fliegt.

Genauso wäre es mit Afghanistan. Nur noch teurer.

Wer abziehen will, soll aufs Klo gehen. Aber die deutschen Pazifisten scheißen halt auf das afghanische Volk. Was anderes war nicht zu erwarten.

June 28, 2009

Wie Ronnnie und Jacko den Ostblock fertigmachten

1988 kam es in der Ostberlin, direkt an der Mauer, zu einem bemerkenswerten Ereignis. Die Eurythmics, ein englisches Pop-Duo, das durchaus nicht zum aufregendsten gehörte, was der Pop damals zu bieten hatte, spielte in Westberlin vorm Reichstag auf.

Auf der Ostseite, in Hörweite, versammelte eine Menschenmenge in Stonewashed Jeansjacken um wenigstens ein paar Bässen und Gitarren, die bei gutem Wind vom Reichtsg herüberwehten, lauschen  zu können, wenn sie schon nicht selbst dabei sein konnten.

Als die Vopos die Versammlung auseindanderknüppelten, erst da wurde sie politisch, bzw. ihr schon vorher vorhandener politischer Inhalt, brach sich Bahn: “Die Mauer muss weg”, skandierten die Stonewashed-Träger. Popmusik ist politisch. Und wie groß muss die Sehnsucht der Ostdeutschem nach IHM gewesen sein, welche Wirkung muss ER gehabt haben, wenn die mittelmäßigen Eurythmics schon, den richtigen Impuls nach Freiheit auslösten? Was hat Michael Jackson zum Ende des Ostblocks beigetragen?

Wir haben uns angwöhnt, Widerstand gegen ein Unrechtsregime nur dann für wertvoll zu halten, wenn er sofort mit politischen Begriffen artikuliert wird. Dabei ist die Sehnsucht Coca-Cola zu trinken oder eben sich eine Michael-Jackson-Platte kaufen zu können auch Teil der Freiheit. Die Sehnsucht danach war nichts Lächerliches. Es war die größte Schmach des Otto Schily, als er einst eine Banane in die Kamera hielt, um Konsum als Motiv einer politischen Wahlentscheidung zu diskreditieren.

Auch Popmusik ist ein solches Sehnsuchts-Konsumgut, aber Popmusik ist auch ein Emanzipationsmedium. Ich behaupte, dass die Jämmerlichkeit der ostdeutschen Popmusikproduktion, man erinnere sich nur an so schwülstig, bombastrocklastig aufspielende Bands wie Karat, jedem Ostdeutschen noch kümmerlicher erscheinen musste, als ER, der Größte der Großen am Horizont erschien.

Ein Regime, in dessem Land nur schlechte Popmusik produziert wird, und sie war deshalb so schlecht, weil sie nicht Medium der Rebellion sein konnte und weil sie nicht den Geist der Emanzipation in sich tragen konnte – ein solches Regime ist schon genau aus diesem Grund entlarvt.

Diktaturen haben nur schlechte Musik hervorgebracht, und sie fürchteten die Entdeckung des Körpers, denn wenn der Körper sich befreit, will sich auch das Individium befreien. Deshalb hassten die Nazis Jazz.

Jedenfalls haben die Ostdeutschen und die Osteuropäer insgesamt die Tatsache, dass ihnen Michael Jackson vorenthalten wurde, und dass einer wie Jackson eben nur vom Westen hatte hervorgebracht werden können, genau richtig gedeutet: dass ihnen die Freiheit insgesamt vorenthalten wurde.

Michael Jackson hat durch seine amerikanische Lässigkeit und seine ironische Körperbeherrschung, wie sie in den grandiosen Choreographien zum Ausdruck kommt, die zum Teil äusserst komisch sind, dem Ostblock seinen eigenen Mangel noch stärker deutlich gemacht.

Diktaturen sind nicht lässig. Sie sind nicht ironisch. Körper sind bei ihnen vor allem dazu da, in der Masse unterzugehen, anstatt sich in lässigen, das Individuum feiernden Tanzschritten auszutoben.

Michael Jackson hat die Mauer mit zum Bröseln gebracht. Den Rest besorgte der Mann rechts neben ihm.

June 25, 2009

Auf dem Amt

Heute war ich auf dem sogenannten Bürgeramt Charlottenburg.

An folgenden Bekundungen gesellschaftlicher Spezialinteressen bin ich vorbeigeschritten, um endlich ins Heiligste staatlicher Hoheitsaufgaben vorzudringen, der Passausstellung: Vor dem Rathaus hing die Regenbogenfahne. Im Gang hingen nacheinander: Der Schaukasten des Seniorenvereins. Der Kasten der SPD. Der Kasten der Migrationsbeauftragten. Der Kasten der Gleichstellungsbeauftragten. Der Kasten der Landsmannschaft Pommern/Schlesien.

Nun war es ein weiter Weg, vom irren deutschen Gedanken, dem Kern des deutschen Antiwestlertums, es gäbe nur ein Volk und darin keine verschiedenen Interessen. Und durchaus bin ich Fan der amerikanischen Staatsidee, dass eine Gesellschaft nicht nur nicht Parallelgesellschaften bekämpfen soll – sondern dass sie aus diesen besteht, und zwar ausschließlich. Nur: die Amerikaner haben ja auch eine Staatsidee und zwar eine schillernde, die das alles am Ende zusammenführt unter “E pluribis unum”.

Statt auf einem gut geführten Berliner Amt landet man also auf dem Jahrmarkt der Subkulturen.
Ich fragte mich: Reden die auch miteinander? Gehen die Schwulen mal bei den Schlesiern vorbei, oder die Frauenbeauftragte zu den Senioren? Geht da was zusammen, damit doch so etwas wie eine verbindende Idee entsteht?
Im Bürgeramt Charlottenburg ist man dem unbedingten Modernismus verfallen und denkt wohl, die Summe der Spezialinteressen ergäbe schon das Ganze. Und all das wäre nicht so schlimm, würde es nicht auf den Gängen am Ende doch nach schlimmstem preußischem Amtsschimmel stinken.

Jedenfalls musste ich erst zur Kenntnis nehmen, was der Seniorenverein und die Landsmannschaft Schlesien so denken – dabei wollte ich doch nur einen Paß!

June 16, 2009

Der Totalitarismus der Sensiblen

Ich mache seit einiger Zeit Yoga bei einer sehr netten Frau. Arme hoch, der Hund, die Cobra, alles gut, alles entspannend. Doch manchmal werde ich sehr unentspannt.

Was eben doch stört an der ganzen bürgerlich-neofernöstlichen-Kontemplationschose für sensible Studenten, esoterische Omas und den Neuen Mann sind Ungeheurlichkeiten wie die folgende. Bestenfalls ist es der übliche Kitsch, wie er in der Bibel der Kitischiers, dem “Kleinen Prinzen” zu finden ist.

Das Milieu ist eben doch geneigt, das war schon immer so, die Welt aus einem Punkt erklären zu wollen. So habe ich bereits den Satz gehört, wenn nur alle Yoga machten, gäbe es keine Kriege mehr. Das unterscheidet unsere sensiblen Grossstadtenstpanner überhaupt nicht von den roten Khmer oder den Sowjets. Die wollten die Welt dadurch erlösen, dass sie alles Bürgerliche vernichten wollten. Und unsere Grossstadtentspanner glauben, der Welt mangele es an Yoga. Das Prinzip ist dasselbe: Die Welt wirtd durch eine einzige Idee erlöst von allem Leid.

Der lustige Esoteriktotalitarismus ist natürlich harmlos, zeugt aber dennoch von der überraschenden Verwirrungszuständen im bürgerlichen Milieu.

Heute dann also dies: Jeder Mensch ist spirituell vollkommen, JEDER.

Und tritt einem jemand aggressiv gegenüber, dann bettele er eigentlich um Liebe.

War Adolf Hitler spirituell vollkommen?

Bettelt Al-Qaeida um Liebe?

Das Schlimme ist, dass Menschen, die mindestens ein Gymnasium, wenn nicht die Universität durchlaufen haben, bei solchen Ideen nicht in Gelächter ausbrechen, sondern in wissend lächelnder Ehrfurcht erstarren, als sei etwas unfassbar Kluges, Tiefgründiges gesagt worden.

Ich hingegen verlasse mich beim Lösen der Probleme, die der spirituell vollkommene Adolf oder die um Liebe bettelnde Al Qaeida hervorrufen auch weiterhin auf die Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

April 8, 2009

Ab nach Afghanistan

Vom Rechtsstaat profitieren am meisten die, die ihn ablehnen.

Mörder werden nicht ermordet. Diebe nicht enteignet. Brandstiftern und brutalen Prüglern wird nicht die Bude angezündet und die Arme gebrochen.

Deshalb ist es so lustig in der Demokratie Krieg zu spielen: die vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson völlig zutreffend als “Heinis mit Nasenringen” bezeichneten Mittelschichtskinder, die so gern Krieg spielen, wie jetzt beim Nato-Gipfel, sie wissen ja: passieren wird ihnen nichts. Selbst wenn sie noch so brutal gegen die Polizei vorgehen, bis hin zum Mordversuch – der Gegenseite bei diesen Geländespielen für Erwachsene sind im demokratischen Rechtsstaat die Hände gebunden. So bleibts beim Kriegsspiel mit Krankenversicherung und Grundrechten. Lustiger als Gotcha ist das auf jeden Fall. Vereinzelte Heinis mit Nasenringen, die im Graben zurückbleiben, so wie in Genua, sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Und sie werden von der “Bewegung” heftig bejubelt, scheinen sie doch der Beweis zu sein, dass es doch um den herbeifantasierten realen Krieg unter Männern geht und nicht um einen Klassenausflug von erlebnisarmen Oberstufenkindern.

Es ist das Hobby der Erlebnisarmen. Der erste Mai in Kreuzberg und Besuche des amerikanischen Präsidenten als August 1914 für gelangweilte Gymnasiasten und kryptofaschistische Autonomenbanden. Egal, wie sie sich sich jeweils nennen: Sie sind der Mob. Endlich gehts los. Endlich die große Reinigung. Endlich Krieg, bei dem man die wahrscheinlich vor dem Spiegel eingeübten kitschigen, theatralischen Streetfighter-Posen vor den Fernsehkameras in Szene setzen kann.

Weil es keine Gewalt gibt in bürgerlichen Rechtsstaaten, jedenfalls nicht so flächendeckend wie von den “Heinis mit Nasenringen” herbeigeredet und gesehnt, muss welche erfunden werden.

Die geniale Erfindung der extremen Linken: Dinge zu sehen, die sonst keiner sieht, weil sie nicht da sind. Nicht nur, dass hinter jedem Gartenzwerg der “Faschismus” lauert. Auch, wo der nicht steht, sondern der gute Geschmack der Mittel- und erst recht der Oberschicht regiert, ist erst recht alles im Argen. Denn: dort wird “strukturelle Gewalt” ausgeübt.

Mit dieser Fata Morgana läßt sich noch jede Gegengewalt begründen. Auch wo Hase und Igel sich Gute Nacht sagen, Kinder in blumenübersehten Gärten spielen und glückliche Kühe grasen – dort ist keineswegs alles in Ordnung, denn die “strukturelle Gewalt” führt ihr bitterböses Regiment!

Es ist ein bitterböses Erbe der Linken, dass deren führende Vertreter sich mental von diesem Unsinn eben doch nicht völlig losgesagt haben. Warum Christian Ströbele am Kinderkriegsschauplatz auftaucht, um irgendwie zu vermitteln, so, als seien Mob und Polizei gleichberechtigte Sparringspartner, ist völlig unverständlich.

Wichtiger ist aber etwas anderes: Bin Laden hatte recht. Der Kriegsphilosoph aus Arabien hat einmal gesagt: “Der Westen ist innerlich schwach”.

Seit vierzig Jahren phantasiert sich die linke Großstadtjugend einen Feind zusammen, den es nicht gibt. Sie war in diesen letzten Jahrzehnten so ziemlich gegen alles, von dem sie entscheidend profititierte. Demonstrationen gegen die Taliban-Mörderbanden oder gegen Nordkorea oder gegen die iranische Todesstrafe sind hingegen völlig unvorstellbar. Stattdessen richtet sich die westliche Jugend gegen sich selbst: Sie warf Steine gegen die Marktwirtschaft, sie verlachte die lang erkämpfte Demokratie als “formal”, Bürgerlichkeit war allweil “faschistisch”, die Nato unter deren Schirm sich so prächtig leben ließ war “imperialistisch” und die USA sowieso. Jetzt ist die Globalisierung der Feind, die unter anderem dazu geführt hat, dass die indische Volkswirtschaft nicht mehr ausschließlich davon abhängig ist, ob westliche Bürgerkinder-Hippies dort ihre wallenden Gewänder bestellen.

Bis heute wird dieser Großstadtjugend irgendwie zugute Gehalten, ihren jugendlichen Furor und erhöhter Empfindsamkeit über die Stränge zu schlagen.

In Wahrheit ist diese Jugend nicht besonders empfindsam für die Probleme der Welt, sondern sie ist gefangen in totaler Wahrnehmungsverweigerung.

Nicht die Nato ist auf der Welt das Hauptproblem, sondern Nordkorea und Iran.

Nicht die irgendwie abstrakt bleibenden Ausgbeuteten und Unterdrückten dieser Welt brauchen unsere “Solidarität”, sondern konkret die Menschen in Afghanistan.

Sie wollen Krieg. Warum gehen die Streetfighter nicht nach Afghanistan? Dort haben sie ihren Krieg. Echten. Und natürlich kann geschossen werden.

March 22, 2009

Neues von Althaus

Immer dann, wenn persönliche Schuld nicht ertragen werden kann, müssen wolkige Kategorien her, philosophisch-luftige Begriffe, die persönliche Schuld quasi in Naturereignisse uminterpretieren, “Unglücke”, die über einen gekommen sind, so wie Tsunami oder Stürme einen heimsuchen können.

Die Deutschen sind da ja Fachleute: Wer auf Kriegsdenkmäler schreibt “Für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft” wo eigentlich stehen müsste: “Für die Opfer deutscher Kriege und deutscher Gewaltherrschaft”, der kennt sich mit sowas aus.

Ein paar Etagen drunter macht Dieter Althaus dasselbe. Er redet von “Tragik” und “Unglück”, so als gäbe es kein persönliches Fehlverhalten, als dessen Ergebnis eine Tote auf der Piste zurückblieb.

Es ist kein tragisches Unglück über Althaus gekommen. Einfach so. Er ist der fahrlässigen Tötung schuldig und zurecht vorbestraft.

Eine bewährte Möglichkeit Schuld abzutragen, ist Demut. Und Schweigen. Doch Politiker können nicht schweigen, von Berufs wegen nicht. Und deshalb läuft die Dieter-Althaus-Interpretationsmaschine bereits auf Hochtouren. Von was man nicht schweigen kann, davon soll man reden, reden, reden: Neues von Althaus. Jeden Tag. Wie geht’s denn Althaus heute? Wieder ein bisschen besser, Gottseidank.

Schwer zu glauben, dass da nicht auch PR-Strategen mitbasteln.

Schwer zu ertragen ist ein Ministerpräsident Althaus, für etwas, was er noch gar nicht gemacht hat. In Kürze wird der Mann über die Marktplätze ziehen müssen. Und er wird ein paar Sätze über den Unfall verlieren müssen.

Und das wird so klingen: In den Abgrund habe er geschaut. Er sei reifer geworden. Er wisse jetzt, wie vergänglich alles ist und genieße das Leben ganz anders. Jeder Tag könne ja der letzte sein.

Ob Althaus das bezweckt oder nicht, ob er es will oder nicht: Althaus wird klingen, als wolle er den Unfall als etwas verkaufen, das einem großartigen Ministerpräsidenten eine ganz neue Tiefe, eine Menschlichkeit und eine Reife gegeben hat, die ihm im Amt nützen wird. Es wird erscheinen, als würde Althaus den Unfall instrumentalisieren, so wie er es jetzt in langen Interviews mit der Bild-Zeitung gemacht hat, an deren Ende man sich dabei erwischt, wie man wirklich, etwas benebelt, ausruft: Der arme Mann!

Und gern wüßte man in diesem Moment, was wohl der Mann dazu sagt, dessen Frau tot ist und dazu nichts mehr sagen kann.

Althaus: Das geht einfach nicht.

January 16, 2009