Kommt die "innere Einheit", wandere ich aus
20 Jahre ist es her, dass erboste Menschen in die westlichen Fernsehkameras plärrten: „Wir sind 40 Jahre lang nur belogen und betrogen worden.“ Das waren Ostdeutsche, nicht selten 20-jährige, die also 20 Jahre länger betrogen worden waren, als sie zum damaligen Zeitpunkt auf der Welt waren. Heute können wir von einer derartigen, in der Euphorie der Freiheit ausgedachten, lässlichen Übertreibung nur träumen. 20 Jahre nach dem Mauerfall müssen wir feststellen: Die DDR ist bei vielen Ostdeutschen rehabilitiert. Und die DDR hat in das neue Gesamtdeutschland diverse Erbschaften eingebracht, auf die man lieber verzichtet hätte.
1. Die Rückkehr des Kollektivgedankens. Die Deutschen sind bekanntlich ein Volk, das den Individualismus und den Liberalismus nicht sonderlich schätzt, ja ihn verdächtigt, das Große Ganze zu zersetzen, also schädlich zu sein. In der Bundesrepublik war es in 40 Jahren Verwestlichung tatsächlich und mit amerikanischer Hilfe gelungen, eine durchaus individualisierte Gesellschaft zu schaffen, die hedonistische Züge trug. Die vielgeschmähte Konsumgesellschaft hat in Wahrheit diesen Prozess befördert und befruchtet. Selbst die „postmaterialistischen“ Milieus, die sich gegen diese Gesellschaft bildeten, haben den Hedonismus befördert, gegen den sie angetreten waren. Auf diese Weise, meistens gegen etwas, haben sich unzählige Milieus und Unter-Milieus in der Bundesrepublik herausgebildet. Einen Kollektivgedanken, der das Ganze zusammenhielt brauchte es nicht. Vielleicht war der einzige Gedanke, den alle Westdeutschen hatten der: Bloß weg hier. Westdeutschland wurde Reiseweltmeister. Diese Entwicklungen hat es in Ostdeutschland nie gegeben. Stattdessen haben die Ostdeutschen mehrere, untergegangene oder als abgeschwächt eingeschätzte Urgedanken wieder hervorgebracht. Der starke Staat. Die Notwendigkeit eines übergeordneten Kollektivgedankens, der alles zusammenhält. Leider hat die westdeutsch dominierte Politik dies nicht bekämpft. Stattdessen müssen wir regelmäßig Wasserstandsmeldungen über die Verwirklichung von etwas ertragen, was jeder pluralistischen Gesellschaft komplett fremd sein müsste: der „inneren Einheit“. Was damit gemeint ist, war nie ganz klar. Offensichtlich soll es aber mehr sein als Verständigung aufs Grundgesetz, irgendeine Art des blinden Verständnisses, eine Art Gedanken-, Mentalitäts- und Lebensstilgleichheit zwischen Rostock und Garmisch. Sagt Bescheid, sollte „die innere Einheit“ jemals verwirklicht sein. Dann wandere ich aus. Denn die „innere Einheit“ ist mit einer pluralistischen Gesellschaft unvereinbar.
2. Die Rückkehr des Nationalgedankens. Seit der Wiedervereinigung kommen immer wieder öde Diskussionen auf, wie es denn ums deutsche Nationalgefühl bestellt ist. Irgendwie sollte seit 1989 etwas Neues kommen, der bewährte „Verfassungspatriotismus“, der als Nationalgefühl genug ist, reichte Leuten wie der Arnulf Baring oder Matthias Matussek nicht mehr aus. Damit passierte etwas neues: Das deutsche Nationalgefühl sollte nicht entstehen dürfen, oder eben nicht, es wurde gefordert und zwar an den Schreibtischen einer neuartigen Nationalgefühl-Erschaffungsindustrie, die – das ödeste aller öden Argumente – auch hier „den 68ern“ die Schuld geben, dass sympathische Deutsche auch nach 1989 morgens nicht zum Fahnenappell antreten. Der gute, alte Verfassungspatriotismus ist in die Defensive geraten, die Fahne soll wehen, der Stolz soll sprießen. Das gab es vor 1989 nicht. Wir brauchen keinen neuen Patriotismus. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir eine endgültige Verwestlichung Ostdeutschlands hinbekämen. Und in einigen Landstrichen Sachsens zivilisatorische Standards durchgesetzt würden, zum Beispiel die, dass man Andersdenkende nicht totschlägt. Das Westdeutschland des „Verfassungspatriotismus“ der 70er und 80er Jahre war das beste Deutschland, das es je gab. Wir sollten es bewahren und endlich östlich der Elbe installieren.
3. Die Rückkehr der DDR. Es ist eine niederschmetternde Tatsache, dass man im Jahr 2009 wirklich diskutieren muss, ob die DDR ein „Unrechtsstaat“ war. Was sonst ist ein Staat, der Eltern die Kinder wegnimmt und zur Zwangsadaption freigibt, an dessen Grenzen „Menschen wie Karnickel abgeschossen“ wurden (ARD-DDR-Korrespondent Lothar Loewe 1977) und das hunderte von Menschen umgebracht hat. Die DDR war nicht nur ein Unrechtsstaat, sie war die zweite totalitäre Diktatur auf deutschem Boden. Im totalitären Staat ist alles durchdrungen, also nichts unschuldig. Kita-Plätze? Dienten dazu, Kinder möglichst früh „zur sozialistischen Persönlichkeit“ zu erziehen. Billiges Brot und Wohnungen und Arbeit für alle? Alles subventioniert, und zwar indirekt vom prosperierenden westdeutschen Staat mittels Zwangsumtausch, Autobahnpauschale, zinslosen Krediten und Franz-Josef Strauss’ Milliardenspritzen (1983/84). Wahrscheinlich wäre die DDR schon 1984 zusammengebrochen, hätte Westdeutschland sie nicht gepäppelt. Wäre sie doch: denn so ist ein Mythos entstanden, man könne Brot für Pfennigbeträge verkaufen, Wohnungen für ein paar Mark vermieten, ohne dass man eine funktionierende Wirtschaft hat. Vielleicht sollte man Sahra Wagenknecht mal sagen, dass die billige Wohnung, die für sie der Beweis für die erstebenswerte “gute” DDR ist, die halt auch einige Fehler hatte, vom Westdeutschen Steuerzahler finanziert wurde. Die DDR hatte keine Fehler – sie war ein Fehler.
Nein, an der DDR war nichts erhaltenswert, nichts hat funktioniert, nichts wäre es wert gewesen, in Gesamtdeutschland eingebracht zu werden. Das nie deutlich ausgesprochen zu haben und stattdessen indirekt einen Mythos von der ganz netten Diktatur DDR zugelassen, ja befördert zu haben – das ist das schwere Erbe, das die deutsche Politik im Jahre zwanzig nach der „Wende“ zu verantworten hat.