Schrecken ohne Enke
Über den Umweg eines prominenten Todes drangen sie doch noch mal in die öffentliche Sprache der komplett säkularisierten Gesellschaft ein: christliche Motive und eine Sakralität, die offensichtlich vielen Menschen, ein zwei mal im Jahr gern genießen. Es war eine Party in schwarz, der Tod und die Trauerfeiern für Robert Enke. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und der Satz wäre gefallen: Er ist für uns gestorben, stellvertretend für uns, um uns von unseren Sünden zu erlösen. “Er war ein ganz besonderer Mensch”, so hieß es. Und diese Besonderheit habe ihn getötet in einer kalten Welt.
Und auch wenn der Satz nicht fiel: So – mit einer nahezu religiösen Verehrung eines Toten – haben wohl viele empfunden.
Religiöse Motive und solche aus Popmythen – die besten sterben jung – sowie Versatzstücke aus 40 Jahren Gesellschaftskritik: Das war die Trauerfeier für Robert Enke.
Der Tod Enkes war ein einziges Festival und ein Triumph des deutschen Protestantismus, der immer schon schwere Verdachtsmomente hegte gegen die angebliche Kälte der Gesellschaft, ihre Leistungsethik, gegen den Individualismus, der an all dem Schuld sein soll. Und auch die selbstverständlich ihre individuelle Freiheit genießen, sind gleichzeitig der Meinung: nein, so kann es nicht weitergehen, wir brauchen mehr Gemeinsinn. Ein komplett abstrakter Gedanke, aus dem nichts folgt und den keiner verwirklichen will, noch kann. Nein, die Menschen waren gerührt davon, dass sie zur Rührung fähig waren. Sie waren von sich selbst gerührt. Mehr nicht. Das ist in Ordnung. Aber es folgt eben nichts daraus.
Schon gar nicht die endlos propagierte Idee, man müsse unsere Gesellschaft ändern, damit sie endlich menschlich werde.
Enkes Gedenken wurde zu einem Tribunal gegen die moderne westlichen Gesellschaft. Eine Trauerfeier als antikapitalistisches Tribunal. Sowas kriegen nur Deutsche hin.
Die moderne Leistungsgesellschaft habe Enke zu Tode gebracht. Nicht er sich selbst.
Wie sehr ein solches Reden auf offene Ohren stößt, konnte man in diesen Tagen beobachten. Es ist dasselbe Phänomen wie jenes, das der Linkspartei von Erfolg zu Erfolg verhilft: Man muss das angebliche Elend und den kurz bevorstehenden Untergang der Marktwirtschaft gar nicht mit eigenen Augen sehen oder Beweise dafür präsentiert zu bekommen, um trotzdem daran zu glauben.
Genauso war das bei Enke: Viele, die gestern im Stadion waren, werden morgen zur Abeit gehen. Sie werden um 9 Uhr hin und um 18 Uhr wieder nach hause gehen. Sie haben Kündigungsschutz und vielleicht Weihnachtsgeld. Es gibt Betriebsräte und Betriebspsycholgen. Obwohl die meisten Menschen, wenn sie nicht Investmentbanker, oder Bundeswehrsoldat in Kunduz oder Gehirnchirurg sind, keinem übermäßigen Druck ausgesetzt sind, werden diese nine-to-five-Menschen morgen in dem Bewußtsein beim Feierabendbier sitzen, in einer extrem unmenschlichen Leistungsgesellschaft zu leben, die Robert Enke letztlich das Leben gekostet habe.
Die gestrigen Reden haben diese Idee direkt und indirekt genährt. Immer abstrakter und diffuser wurden die angeblichen Beweise für die Unmenschlichkeit der Leistungsgesellschaft. Christian Wulff machte schlichtweg “Angst” als großes Problem in unserer Gesellschaft aus. Ein ARD-Beitrag stellte eine Verbindung zwischen Enke und Opel-Arbeitern her, die ehrliche Arbeit leisteten, die aber durch kalt in Amerika getroffene Managemententscheidungen “nicht gewürdigt” würden, wodruch “Depressionen” entstünden.
Fast alle Redner sahen soziale Kälte am Werk, mangelndes Interesse der Menschen untereinander, mangelnder Zusammenhalt.
In diesem Zusammenhang möchte man nur darauf hinweisen, dass der inzwischen ja unter diesem Aspekt rehablitierte Kuschelstaat DDR, der ja diesen sogenannten Zusammenhalt hatte, und der seine Bürger in allerlei kollektive soziale Beglückungsvereine zwängte, dass diese DDR nach Ungarn die zweithöchste Selbstmordrate der Welt hatte (das ist keine Erfindung des Films “Das Leben der Anderen”)
Und wenn Christian Wulff sagt: “Die Welt ist nicht im Lot”, dann möchte man zwar zustimmen, kriegt aber sofort Angstschweiß angesichts des Gedankens, dass Wulff auf die Idee kommen könnte das mit Mitteln der Politik zu ändern. Immer wenn die Politik auf die Idee kam und die Hybris entwickelte, sie könne die Welt “ins Lot bringen”, standen wir mit einem Bein im Totalitarismus. Das ist auch der Grund, warum bei Menschen wie Al Gore, der das auch glaubt, totales Unbehagen aufkommt.
Nein, Christian Wulff wird nichts unternehmen, um “die Welt ins Lot” zu bringen. Und weil das so ist, weil das quasi die angenehme Geschäftgrundlage zwischen Regierenden und Regierten ist, und weil das alle wissen, deshalb waren die ganzen Apelle, die Gesellschaft menschlicher zu machen, zusammenzurücken, oder einfach nur mitzufühlen komplett hohl. Sonntagsreden am Sonntag.
Politik heißt: Gesetze machen. Welches Gesetz soll geändert werden, um in Zukunft Selbstmorde wie den von Enke zu verhindern? Wer wird morgen beim unsympathischen Nachbarn klingeln, um mal nach dem rechten zu sehen, er könnte sich ja umbringen?
Nichts wird sich ändern wegen Enke. Nicht im Leistungssport. Nicht in “der Gesellschaft”. Nirgendwo. Nicht heute und nicht morgen.
Jämmerlich ist das Bild des deutschen Protestantismus, der sich mal auf seine Kernaufgaben konzentrieren sollte: religiöse Ansichten verbreiten, nicht politische, die von Linkspartei und SPD ja schon ausreichend vertreten werden. Anstatt erst einmal im christlichen Motivfundus zu suchen und daraus Bilder des Trostes zu suchen, gibt er sich sofort politisch, weniger Kirche als politische Partei. Eine Sozialdemokratie im Talar, die unermüdlich “die Gesellschaft” anklagt.
Man mag darüber lachen. Aber es war Stevie Wonder, der am Sarg von Michael Jackson Worte fand, die sich eben nicht im Fundus vulgärpsychologischer Gesellschaftskritik bediente, sondern in der hierzulande wahrscheinlich als amerikanisch-naiv empfundenen Mystik: “Auch wenn wir wissen, dass wir Michael hier dringend auf der Erde brauchen, so müssen wir einsehen: Gott hat ihn wohl bei sich sehr viel mehr gebraucht.”
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