March 5, 2008
Er nicht.
Er nicht.
Er brachte Vietnam nach München 1972: Bell UH-1D.
Er brachte Vietnam nach München 1972: Bell UH-1D.
VW 181. Den hatten die Münchner Designer nicht in den Fingern.
VW 181. Den hatten die Münchner Designer nicht in den Fingern.

München 1972 – das Design der Bundesrepublik

Die Siebziger Jahre gingen am 5. September 1972 um vier Uhr Morgens zu Ende, als sieben Männer um 4:30 bei Tor 25a in das Olympiadorf in München einstiegen.

Die Männer des Black September trugen erst die Uniform der heiteren Spiele, Adidas-Trainingsanzüge, die heute wieder modern sind, später dann die Uniform der Fedayin, samt AK-47. Folklore war zu der Zeit beides.

Sie brachten einen nationalstaatlichen Konflikt in eine nahezu surreale Zone der postnationalen Inszenierung, in der es keine Nationen mehr gab, keine Uniformen, keinen Staat und keine Staatsorgane.

Das olympische Dorf war quasi zur exterritorialen Zone erklärt worden. Polizisten trugen keine Waffen, sondern himmelblaue Uniformen, die extra designt worden waren und ein wenig an Miami Vice erinnerten. Vom Legalitätsprinzip, das sie gezwungen hätte, jede Straftat, vom Cola-Dosen-Klau angefangen, zu verfolgen, waren sie befreit. Sie waren keine Bullen, sondern frühe Formen dessen, was man jetzt auch immer in Berlin sieht: Lustige Männchen mit Kappen, die keine schlagende Verbindung, sondern “Deeskalations-Teams” bildeten.

Ein paar Tage vor dem 5. September hatte Bandleader Kurt Edelhagen ein Orchester dirigiert, dessen Sound klarmachte, dass die Bundesrepublik keine Nation sein wollte, dass es überhaupt keine Nationen mehr geben würde, sondern dass, was früher Nationen waren, heute nur noch als Zwei-Minuten-Folklore-Einsprengsel im egalitären Disco-Pop eines Potpourris (wie man damals sagte) möglich sein würde. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft Bundesrepublik hatte eine Botschaft an die Welt. Bildet die nivellierte Weltgeselschaft!

Klangteppichhändler Edelhagen (und sein Kumpel, der Bandleader Peter Herbolzheimer) hatten für den Einzug der Nationen extra kleine Folklore-Popstücke für seinen bläserseeligen James-Last-Sound komponiert, die statt der Nationalhymmnen erklangen. Das Kurt-Edelhagen-Orchester hatte das Konzept der Nation regelrecht aus dem luftigen Rund des Olympiastadions herausgeblasen. Nation: das ist ein bisschen erfundene Folklore. Mehr nicht. Pop hatte gesiegt.

Das “Potpourri” der United Nations liest sich so:

A1b Griechenland: Griechsche Sommernacht A1c Argentinien: Fiesta Argentina

A1d Brasilien: On Way To Brasil A2a England: Mr. Big Ben

A2b Nigeria: African Sunset A2c UDSSR: Song For Natascha

A3a Spanien: Flores d’España A3b Korea: Hongkong Parade

A3c USA: Washington Walk A3d DDR: An Der Elbe

B1a Mexico: Mexican Party B1b Puerto Rico: Noche De Puerto Rico

B1c Rumänien: Rumania Trip B2a Frankreich: La Belle Parisienne

B2b Japan: Sukiyaki Blues B2c Italien: Coup San Remo

B2d Uganda: African Lady B3a Irland: Irish Coffee B3b Kenia: Stompin Safari

B3c Bundesrepublik: Hoch Auf Dem Gelben Wagen Auf, Du Junger Wandersmann Horch, Was Kommt Von Draussen Rein

Das Blutsauger-Land des Idi Amin als Heimat der “African Lady”, GULAg-Fan Breschnew als Vorsteher des Landes, in dem fröhlich der “Song for Natasha” geträllert wird, und eine Reise ins Securitate-Land Rumänien wird zum “Rumania Trip”. Nationen gibt es nicht mehr an diesem 24. August im Münchner Olympiastadion. Es gibt nur noch Urlaubsländer, “Destinationen” für den Reiseweltmeister Deutschland. Die UN ist in Wahrheit der Grand Prix de Chansons.

Eine schöne Utopie.

Am 5. September brach dieses postnationale Popkultur-Design der Bundesrepublik in sich zusammen. Brutaler konnte ein nationaler Konflikt nicht in dieses Nirvana der besten Bundesrepublik aller Zeiten einbrechen, die als Logo für München 72 einfach das Zeichen der Lotterie “Glückspirale” übernommen hatte.

Das bonbonfarbene Design von Willy-Deutschland wurde ersetzt durch Polizisten, zunächst noch in Trainingsanzügen, später in Feldgrau, die Wehrmachtsstahlhelme trugen, die damals noch bei der bayerischen Bereitschaftspolzei (und heute noch bei der Feuerwehr) im Einsatz waren. Sie fuhren in Kübelwagen (VW 181) vor, die an den Kübel der Wehrmacht erinnerten.

Später landeten Bell UH-1B-Hubschrauber auf dem Rasen vor dem Pressezentrum. Einige Sportler aus Amerika werde sich an das sonore Knattern des Helikopters erinnert haben: Es war der Vietnam-Hubschrauber. Statt Edelhagens Pop-Sound, war jetzt der Sound von Vietnam im Olympiadorf zu hören.

Das exaltierte Design von München 1972 sah so aus, wie die Bundesrepublik in Wahrheit nicht war. Unter dem Design-Gipfel München 72 gab es keinen Mittelbau. Nachdem die Männer mit den himmelblauen Uniformen abgezogen waren, mussten die Männer mit den Wehrmachts-Stahlhelmen und den Kübelwagen ran. Dazwischen gab es nichts.

München 1972 war die beste Bundesrepublik, die es jemals gab in der besten Stadt, die für diese Utopie des Egalitären 1972 zur Verfügung stand. München.

Nicht umsonst war München später wiederum eine der Haupstädte des egalitären Sounds der Siebziger, Disco, dem sogenannten “Sound of Munich” mit dem Star Donna Summer.

Ein bisschen München lebte weiter. Die Idee, dass deutsche Uniformen nicht wie deutsche Uniformen aussehen sollten, sondern wie Urlaubserinnerungen, lebte in der 1975 eingeführten bundeseinheitlichen Polizeiuniform weiter.

Sie sieht aus wie eine Mischung aus Oberförster und Serengeti-Wildhüter.

February 23, 2008

Der politische Film 2008: John Rambo sind wir

Es gibt eine Tendenz im Kriegsfilm der letzten Jahrzehnte, den Kampf vor allem als inneren Kampf zu sehen.

In der Schlussequenz von “Platoon” (1985) sagt die Off-Stimme des Helden: “We didn’t fight the enemy. We fought ourselves.” Und in einer Szene des - im übrigen grossartigen - Ridley Scott-Films “Black Hawk down”, das Geschehen ist schon zu einem apokalyptischen Gemetzel geraten, sagt ein Soldat zum anderen: “Warum machen wir das hier? Es ist für die Kameradschaft.”

Damit ist der Kriegsfilm ganz auf der Höhe der Zeit einer sogenannten Postmoderne, die ebenfalls keine zu bekämpfenden äusseren Feinde mehr zu kennen vorgibt, sondern der Mensch, seine inneren psychischen Prozesse sind seine eigentlichen Feinde. Der äussere Feind ist der innere Feind. Nur in diesem Sinne konnte André Glucksmann 1989 zum hundertsten Geburtstag von Adolf Hitler allen Ernstes schreiben: “Hitler bin ich.”

Zum Glück gab es 1944 ein paar Jungs, die nicht der Meinung ware Hitler seien sie selbst, sondern an den Strand der Normandie fuhren, um Hitler den garaus zu machen. Aber da gab es zum Glück noch nicht die Postmoderne, sonst wären sie vielleicht zuhause geblieben.

Hitler sind wir alle, Vietnam sind wir alle, Irak sind wir alle. Die Apokalypse sind wir alle, der Mensch ist des Menschen Feind, der Mensch ist böse undsoweiter und sofort. So ist der Sound der Postmoderne.

Genau in dieser Sekunde kommt also John Rambo um die Ecke und zeigt, dass es lohnende Ziele gibt. Dass man sie benennen kann und das man sie bekämpfen kann.

John Rambo hat immer schon vor allem die fasziniert, die vorgaben, nur über ihn lachen zu können. Er kam mit dem Reagan-Zeitalter auf und genauso wie Reagan selbst, war die deutsche Friedensbewegung in Wahrheit zutiefst fasziniert von einem, der das tat, was sie nicht konnte, sich insgeheim aber wünschte: klare Feinde benennen. Zum Beispiel die Sowjetunion mit ihren Gulags als das zu bezeichnen, was sie war: ein evil empire. Für die Friedensbewegung war alles dasselbe: Russen, Amerikaner, wir, die.

Jetzt kommt John Rambo wieder und wieder kommt auch ein klarer Feind. Und das kam so. “Ich rief beim Magazin Soldier of Fortune und bei den Vereinten Nationen an. Ich fragte: ‘Wo auf unserer Erde werden die Menschenrechte am offensichtlichsten und schlimmsten mit Füssen getreten, ohne dass darüber nennenswert berichtet wird?’ Die Antwort war: Birma.’”, erzählt Sylvester Stallone.

Man würde sich wünschen, dass sich mehr Leute eine solch einfache Vorgehensweise entscheiden, um etwas über die Welt zu erfahren. Aber da ist wohl amnesty international vor, das in diesem Bereich einen 1a-Ruf geniesst. Geht man einen deutschen Fussgängerzonenstand, so ging es mir jedenfalls, hatte man den Eindruck, vor allem die USA seien die grössten Menschenrechtsverletzer.

Sylvester Stallone hat einen schlechten Film für eine gute Sache gemacht. Der Film selbst, die dämliche Story, beschämt vielleicht den guten Geschmack. Aber er beschämt auch alle, die nur auf die Strasse gehen, wenn der Lieblingsbösewicht, die USA angeblich wieder was angestellt haben. Er beschämt die Mittelschicht, die gerade noch zu mobilisieren ist, wenn der liebe Onkel aus Tibet im Lande ist und es einem zusammen mit 5.000 anderen vom Christentum enttäuschten Omas und Opas warm ums Herz wird.

Gerade haben sich Oppositionelle Birmanesen in Singapur getroffen. Anders als sonst bei Intelektuellen, die bei Rambo ja schenkelklopfend und ironisierend sonst nur ihrer unausgesprochenen Faszination frönen, stand auch der neue John-Rambo-Film als ernsthafter politischer Film auf dem Programm. Und anders als in Deutschland, hat der Film unter den birmanesischen Oppositionellen Begeisterung ausgelöst. Zum ersten mal wird die Brutalität des barbarischen südostasiatischen Regimes wohl so gezeigt wie sie ist. Das sagen jedenfalls Birmanesen. Inklusive Menschen, die von Schweinen halb aufgefressen werden.

Der Film darf natürlich in Birma nicht gesehen und nicht verkauft werden. Aber es könnte sein, dass man ihn schon jetzt als politischsten Film des Jahres zu sehen hat. Er wird schwarz in Birma gehandelt. Ein Untergrundkämpfer der KNU, die seit 60 Jahren gegen das birmanesische Regime kämpft, wird auf Inforadio Berlin mit den Worten zitiert: “John Rambo macht uns Mut. Er motiviert uns und zeigt uns, dass das Regime besiegt werden kann.”

Es könnte sein, dass ein italienischstämmiger amerikanischer Mann, ein alternder Action-Held, mehr für die birmanesische Opposition getan hat, als alle westlichen Regierungen zusammen und alle notorischen Mahner und Wahner, die über einen wie Stallone nur die Nase rümpfen würden.

Sylvester Stallone ist ein guter Mann. Ein sehr guter.

February 15, 2008

Waldsterben

Der Wald lässt die Deutschen nicht in Ruhe. Dort wollen die Deutschen das reine Leben spüren. Dort träumen sie. Dort wollen sie sterben. Elias Canetti hielt den Wald für das deutsche Massensymbol: Der Wald ein stehendes Heer. Ein Mann aus Hannover hat dort seinen letzten Kampf gekämpft. 

Er fährt aus der Stadt 100 Kilometer mit dem Fahrrad aufs Land. Es ist ein Weg weg von der Zivilisation in die Natur. Im Wald legt er sich in einen Hochsitz. Er isst nichts mehr. Er hat die Arbeit verloren und den Kontakt zu seiner Familie. Er fühlt sich in der Zivilisation gescheitert. Deshalb will er sterben. In der Natur. Sein Sterben dokumentiert er in einem Tagebuch.

Der Wald als Rückzugsort in das Reine, von der “verdorbenen” Zivilisation unangetrübte, ist ein Grundmotiv der deutschen Romantik. Ein sehr deutsches Motiv. Der Mann hat also einen sehr deutschen Tod gewählt.

Ein Mann, die letzte Ruhe in einem Hochsitz suchend. Man denkt an Goethe und seine Zeile: “Über allen Wipfeln ist Ruh’”.

Wanderers Nachtlied II 

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Und der deutsche Romantiker Ludwig Tieck feierte den Wald 1797 als Ort des Von-aller-Welt-Verlassenseins:


“Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit!”

Der einsame Kämpfer, der im Wald stirbt. Ein deutscher Tod. Das ebenfalls sehr deutsche Wort “Waldsterben” hat letzte Woche ein ganz neue, schauerliche Bedeutung bekommen.

February 6, 2008
 Dolchstoss 1918
 Dolchstoss 1918
Dolchstoss 2008 
Nach November 1918, als die “auf dem Felde ungeschlagene deutsche Armee” von den “Novemberverbrechern rücklings ermodet” wurde, war es ruhig geworden um die sogenannte Dolchstosslegende. Bis Rosenmontag 2008. Die “ordentlich” (Standardwort aus der Mindestlohndiskussion) arbeitende Armee der deutschen Facharbeiter (“ordentliches Geld für ordentliche Arbeit”) wird vom internationalen Kapitalismus rücklings ermeuchelt, obwohl in der Werkshalle unbesiegt. Die mit einem sogenannten Augenzwinkern vorgetragenenn Weisheiten tief aus der deutschen Volksseele sind immer noch die authentischsten. Und ekligsten. Das unangenehme Gefühl, das einem bei solchen sogenannten augenzwinkernden Karikaturen beschleicht ist und bleibt die Tasache geschuldet: Das hätte die NPD auch nicht besser hingekriegt. Von der Linkspartei wollen wir gar nicht reden.

Dolchstoss 2008 

Nach November 1918, als die “auf dem Felde ungeschlagene deutsche Armee” von den “Novemberverbrechern rücklings ermodet” wurde, war es ruhig geworden um die sogenannte Dolchstosslegende. Bis Rosenmontag 2008. Die “ordentlich” (Standardwort aus der Mindestlohndiskussion) arbeitende Armee der deutschen Facharbeiter (“ordentliches Geld für ordentliche Arbeit”) wird vom internationalen Kapitalismus rücklings ermeuchelt, obwohl in der Werkshalle unbesiegt. Die mit einem sogenannten Augenzwinkern vorgetragenenn Weisheiten tief aus der deutschen Volksseele sind immer noch die authentischsten. Und ekligsten. Das unangenehme Gefühl, das einem bei solchen sogenannten augenzwinkernden Karikaturen beschleicht ist und bleibt die Tasache geschuldet: Das hätte die NPD auch nicht besser hingekriegt. Von der Linkspartei wollen wir gar nicht reden.

Gulaschkanonen

Die Ungarn sind ein sympathisches Völkchen, das zwar ständig überrollt, über den Tisch gezogen, und besetzt wird, aber dennoch nicht seinen Humor verliert.

1242 kamen die Mongolen über das Land und verwüsteten es. Mitte des 16. Jahrhunderts kamen die Türken mit einschlägigen Absichten an die Donau und 1945 die Russen.

1954 schließlich kam Fritz Walter. Er drang in den ungarischen Strafraum ein, aus dem Hintergrund musste Rahn schießen und er tat es auch. 3:2 für Deutschland. All das musste das kleine Land ertragen und brachte sympathischerweise doch nie anderes gegen seine Feinde in Stellung als Gulaschkanonen.

In einer Werbekampagne namens “Budapest Winter Invasion” fassen die Ungarn nun ihre eigene Geschichte, die eine Geschichte der Invasionen ist, unglaublich spaßig zusammen. Diese Sätze haben es nun wirklich in sich: “Nach 400 Jahren Römern, 150 Jahren Ottomanen und 45 Jahren Sowjets werden Sie die ersten sein, die wir einladen, länger in Budapest zu bleiben.”

Das ist zunächst ein tolles Zitat aus einer Zeit, in der in kommunistischer Verschleierungssprache die Sowjets, wenn sie ein Land überfielen, angeblich immer “eingeladen” wurden. Wie die meisten wissen, nahmen die Sowjets die “Einladungen” immer gern an und kamen in ihren beliebten Reisefahrzeugen mit Ketten und Kanonenrohren daran angereist.

Was aber wollen uns die Ungarn mit solchen hintergründigen Formulierungen sagen? Dass Touristen auch nichts anderes sind als Überfallkommandos? Ist dies eine Fundamentalkritik am Massentourismus? Wollen Sie aber nun der Erste sein, der nach den Sowjets “eingeladen” wird “länger zu bleiben” und genauso freundlich empfangen wird wie anno 1956 die Russen?

Die Urlaubs-Kampagne “Budapest Winter Invasion” hat jedenfalls viel Humor. Und sie ist ausbaufähig ebenso für Städte wie Prag, Vilnius oder Kabul – alles Städte, die nach ungarischer Lesart im Laufe der Zeit “Einladungen” an die Sowjets aussprachen, doch “länger zu bleiben”.
February 5, 2008

"Weil er herausragt"

Koch hat verloren. An der “F.A.Z.” lag das garantiert nicht

Von Hans-Joachim Friedrichs wird nur ein Satz überliefert, der aber ist ganz gut:
“Ein Journalist darf sich mit keiner Sache gemein machen. Auch nicht mit einer guten.”

Angenommen, die gute Sache sei Roland Koch. Dann sieht man das bei der “F.A.Z.” mit dem gemein machen wohl fundamental anders:

“Folgten Landtagswahlen den Gesetzmäßigkeiten der Politikwissenschaft, dann wäre die Bestätigung der Regierung Koch am Sonntag eine Formsache gewesen.” (29.1.)

Dass Wahlen aber nicht den Gesetzmäßigkeiten der Politikwissenschaft folgen, das mussten vor der F.A.Z. schon Generation von Studenten schmerzlich erlernen. Und zum Glück ist Demokratie auch keine Formsache. Es geht um Sympathie. Um Stil. Um spontane Zuneigung oder Ablehnung. Ja, wir haben die Fernsehdemokratie. Auch, wenn man darüber in der elitären F.A.Z. - wie ja traditionell im libertären Bürgertum - die Nase rümpft.
Da hat sich also der kleine Mann einfach mal der Erkenntnis verweigert, die ihm die F.A.Z. circa drei Wochen ununterbrochen reingeprügelt hat, nämlich was der Koch für ein Wahnsinns-Mann ist:

“Koch ist in der Lage, ein fünfseitiges Papier zu einem schwierigen Thema in zehn Minuten zu lesen und anschließend die Hauptpunkte nicht nur knapp und zutreffend zusammenzufassen, sondern analytisch zu beurteilen.”

Dass Koch darüber hinaus auch noch in der Lage ist, ein Papier mit einem schwierigen Thema, vielleicht zum Thema Jugendkriminalität, so knapp und unzutreffend zusammenzufassen, nämlich so: kriminelle Ausländer raus, dass türkische Mitglieder der CDU ihm öffentlich eine Niederlage wünschen – diese Qualität ist der F.A.Z irgendwie entgangen.

“Für seine Fachminister muss es manchmal unangenehm sein, dass ihr Chef sie selbst in Wissensdetails übertrifft.”

Vor allem für den Justizminister. Den übertraf Koch mit Wissensdetails über die Verfahrensdauer bei straffälligen Jugendlichen in Hessen. Da hätte er mal bei seinem Fachminister nachfragen sollen, ehe er mit dem Thema in den Wahlkampf zieht.

Sind F.A.Z.-Autoren eigentlich im Nebenjob Redenschreiber von Roland Koch?

“Kein Zweifel, die bevorstehende Landtagswahl ist eine Richtungsentscheidung für Hessen: mehr Staat oder mehr Markt, mehr Investitionen in das Sozialsystem oder sparsames Wirtschaften und Schuldenabbau, integriertes oder gegliedertes Schulsystem, offener oder geschlossener Vollzug in den Gefängnissen, weniger oder mehr Geld für neue Straßen, radikale Energiewende oder behutsamer Umstieg auf regenerative Energien.”
(Rhein-Main-Zeitung 27.1.)

Und dann der Höhepunkt des Roland-Koch-Festivals. Am Samstag vor der Wahl darf Berthold Kohler jeglichen Rest kritischer Distanz fahren lassen und ein Dokument produzieren, das alle Pathologien der deutschen Rechten zusammenfasst.

Tusch, anschwellende, bombastische Streicher, ein Rezitator betritt die Bühne, auf einmal atemlose Stille im Publikum, der Rezitator beginnt:

“Weil er herausragt”

Wahnsinn! Unfassbar!

“Die deutsche Linke in Politik und Publizistik (…) wittert die Chance, den letzten wort- und wirkmächtigen Vertreter des konservativen Flügels der CDU zum Schweigen zu bringen.”

Gähn! Die Idee der wirkmächtigen “deutschen Linken”, die das ganze Land im Würgegriff hält, scheint unauslöschbar in den Hirnen des neo- und sonstigen “Bürgertums” (ich finde diese Paranoia eher kleinbürgerlich) verankert zu sein.
Natürlich stimmt sie nicht. Wäre es so, dann wäre Koch niemals Ministerpräsident geworden. Das alles hindert Leute wie Eva Herman, Kai Dieckmann und eben Berthold Kohler nicht, die abgenudelte Schallplatte immer wieder aufzulegen:
Rechte sind immer aufrechte Kämpfer. Linke zersetzen das Land und wollen Leute, die endlich mal die Wahrheit sagen, “zum Schweigen bringen.”

“Koch ist zur letzten Bastion der Konservativen in der CDU geworden, ohne selbst seinen Standort geändert zu haben.(…) Kein zweiter Ministerpräsident der Union wagt es, Missstände und Versäumnisse so offen zu benennen wie er.”

Komischerweise spricht er sogenannte Missstände immer kurz vor Wahlen an.

“Denn am Beispiel Koch kann jeder sehen, was dann passiert: Er wird zum Ausländerfeind und zu einer Gefahr für die Demokratie erklärt. Wann immer Koch darüber spricht, dass auch “Menschen mit Migrationshintergrund” - schon das Wort Ausländer wagt kaum noch ein Politiker in den Mund zu nehmen - sich an die Gesetze dieses Landes zu halten haben, fühlt sich, wie das vielstimmige Wutgeheul zeigt, die ganze deutsche Linke angegriffen.”

Nein, es fühlten sich Menschen angegriffen, die sehr genau spüren, wo das “Ansprechen” sogenannter “Missstände” hinführen kann, zum Glück aber diesmal - anders als 1999 (“Wo kann ich hier gegen Ausländer unterschreiben”) - nicht hingeführt hat. Zum Beispiel türkische Mitglieder der CDU.

“Selbst Gewalttaten wie in der Münchner U-Bahn sind dann nicht vor grotesken Umdeutungen sicher. Denn allzu oft führt die Frage nach den Ursachen solcher Fälle hin zu den Verirrungen einer verblendeten Ausländer- und Einwanderungspolitik”,

…für die im wesentlichen Helmut Kohl verantwortlich ist…

“für die schon das Wort Integration ein faschistischer Begriff war”

…irgendwelche Spinner gibt’s immer, mag schon sein, für diese Spinner kann man aber nicht Menschen in Haftung nehmen, die den legitimen Anspruch haben, Roland Koch abzulösen…

“Koch wirkt über die Grenzen Hessens hinaus als Galions- und also auch Reizfigur eines wertegebundenen Konservativismus, der, obwohl immer noch von großen Teilen des Bürgertums geteilt, kaum noch streitbare Fürsprecher hat.”

Die Missverständnisse des Modewortes Bürgertum sind Legion. Dass ein Mann, der mit den Mitteln moderner Wahlkampftechniken den Strömungen in der Gesellschaft nachspürt und genau das macht, von dem er glaubt, dass es in möglichst weiten Teilen der Gesellschaft gut ankommt – ausgerechnet der soll Bannerträger des Konservatismus sein? Und dann auch noch des “wertegebundenen”?
Um welche Werte handelt es sich hier?
Konservativ, das ist für mich, vor allem wenn man an England denkt, eine durchweg noble Haltung, die über Kampagnen wie die von Roland Koch einfach nur die Nase rümpfen würde.

Und was sagt eigentlich der Koch-Freund und Friedensfürst Dalai Lama zu diesen Werten, die dazu führen, Plakate wie “Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen” zu drucken?