Waldsterben
Der Wald lässt die Deutschen nicht in Ruhe. Dort wollen die Deutschen das reine Leben spüren. Dort träumen sie. Dort wollen sie sterben. Elias Canetti hielt den Wald für das deutsche Massensymbol: Der Wald ein stehendes Heer. Ein Mann aus Hannover hat dort seinen letzten Kampf gekämpft.
Er fährt aus der Stadt 100 Kilometer mit dem Fahrrad aufs Land. Es ist ein Weg weg von der Zivilisation in die Natur. Im Wald legt er sich in einen Hochsitz. Er isst nichts mehr. Er hat die Arbeit verloren und den Kontakt zu seiner Familie. Er fühlt sich in der Zivilisation gescheitert. Deshalb will er sterben. In der Natur. Sein Sterben dokumentiert er in einem Tagebuch.
Der Wald als Rückzugsort in das Reine, von der “verdorbenen” Zivilisation unangetrübte, ist ein Grundmotiv der deutschen Romantik. Ein sehr deutsches Motiv. Der Mann hat also einen sehr deutschen Tod gewählt.
Ein Mann, die letzte Ruhe in einem Hochsitz suchend. Man denkt an Goethe und seine Zeile: “Über allen Wipfeln ist Ruh’”.
Wanderers Nachtlied II
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Und der deutsche Romantiker Ludwig Tieck feierte den Wald 1797 als Ort des Von-aller-Welt-Verlassenseins:
“Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit!”
Der einsame Kämpfer, der im Wald stirbt. Ein deutscher Tod. Das ebenfalls sehr deutsche Wort “Waldsterben” hat letzte Woche ein ganz neue, schauerliche Bedeutung bekommen.
5 months ago