February 23, 2008

Der politische Film 2008: John Rambo sind wir

Es gibt eine Tendenz im Kriegsfilm der letzten Jahrzehnte, den Kampf vor allem als inneren Kampf zu sehen.

In der Schlussequenz von “Platoon” (1985) sagt die Off-Stimme des Helden: “We didn’t fight the enemy. We fought ourselves.” Und in einer Szene des - im übrigen grossartigen - Ridley Scott-Films “Black Hawk down”, das Geschehen ist schon zu einem apokalyptischen Gemetzel geraten, sagt ein Soldat zum anderen: “Warum machen wir das hier? Es ist für die Kameradschaft.”

Damit ist der Kriegsfilm ganz auf der Höhe der Zeit einer sogenannten Postmoderne, die ebenfalls keine zu bekämpfenden äusseren Feinde mehr zu kennen vorgibt, sondern der Mensch, seine inneren psychischen Prozesse sind seine eigentlichen Feinde. Der äussere Feind ist der innere Feind. Nur in diesem Sinne konnte André Glucksmann 1989 zum hundertsten Geburtstag von Adolf Hitler allen Ernstes schreiben: “Hitler bin ich.”

Zum Glück gab es 1944 ein paar Jungs, die nicht der Meinung ware Hitler seien sie selbst, sondern an den Strand der Normandie fuhren, um Hitler den garaus zu machen. Aber da gab es zum Glück noch nicht die Postmoderne, sonst wären sie vielleicht zuhause geblieben.

Hitler sind wir alle, Vietnam sind wir alle, Irak sind wir alle. Die Apokalypse sind wir alle, der Mensch ist des Menschen Feind, der Mensch ist böse undsoweiter und sofort. So ist der Sound der Postmoderne.

Genau in dieser Sekunde kommt also John Rambo um die Ecke und zeigt, dass es lohnende Ziele gibt. Dass man sie benennen kann und das man sie bekämpfen kann.

John Rambo hat immer schon vor allem die fasziniert, die vorgaben, nur über ihn lachen zu können. Er kam mit dem Reagan-Zeitalter auf und genauso wie Reagan selbst, war die deutsche Friedensbewegung in Wahrheit zutiefst fasziniert von einem, der das tat, was sie nicht konnte, sich insgeheim aber wünschte: klare Feinde benennen. Zum Beispiel die Sowjetunion mit ihren Gulags als das zu bezeichnen, was sie war: ein evil empire. Für die Friedensbewegung war alles dasselbe: Russen, Amerikaner, wir, die.

Jetzt kommt John Rambo wieder und wieder kommt auch ein klarer Feind. Und das kam so. “Ich rief beim Magazin Soldier of Fortune und bei den Vereinten Nationen an. Ich fragte: ‘Wo auf unserer Erde werden die Menschenrechte am offensichtlichsten und schlimmsten mit Füssen getreten, ohne dass darüber nennenswert berichtet wird?’ Die Antwort war: Birma.’”, erzählt Sylvester Stallone.

Man würde sich wünschen, dass sich mehr Leute eine solch einfache Vorgehensweise entscheiden, um etwas über die Welt zu erfahren. Aber da ist wohl amnesty international vor, das in diesem Bereich einen 1a-Ruf geniesst. Geht man einen deutschen Fussgängerzonenstand, so ging es mir jedenfalls, hatte man den Eindruck, vor allem die USA seien die grössten Menschenrechtsverletzer.

Sylvester Stallone hat einen schlechten Film für eine gute Sache gemacht. Der Film selbst, die dämliche Story, beschämt vielleicht den guten Geschmack. Aber er beschämt auch alle, die nur auf die Strasse gehen, wenn der Lieblingsbösewicht, die USA angeblich wieder was angestellt haben. Er beschämt die Mittelschicht, die gerade noch zu mobilisieren ist, wenn der liebe Onkel aus Tibet im Lande ist und es einem zusammen mit 5.000 anderen vom Christentum enttäuschten Omas und Opas warm ums Herz wird.

Gerade haben sich Oppositionelle Birmanesen in Singapur getroffen. Anders als sonst bei Intelektuellen, die bei Rambo ja schenkelklopfend und ironisierend sonst nur ihrer unausgesprochenen Faszination frönen, stand auch der neue John-Rambo-Film als ernsthafter politischer Film auf dem Programm. Und anders als in Deutschland, hat der Film unter den birmanesischen Oppositionellen Begeisterung ausgelöst. Zum ersten mal wird die Brutalität des barbarischen südostasiatischen Regimes wohl so gezeigt wie sie ist. Das sagen jedenfalls Birmanesen. Inklusive Menschen, die von Schweinen halb aufgefressen werden.

Der Film darf natürlich in Birma nicht gesehen und nicht verkauft werden. Aber es könnte sein, dass man ihn schon jetzt als politischsten Film des Jahres zu sehen hat. Er wird schwarz in Birma gehandelt. Ein Untergrundkämpfer der KNU, die seit 60 Jahren gegen das birmanesische Regime kämpft, wird auf Inforadio Berlin mit den Worten zitiert: “John Rambo macht uns Mut. Er motiviert uns und zeigt uns, dass das Regime besiegt werden kann.”

Es könnte sein, dass ein italienischstämmiger amerikanischer Mann, ein alternder Action-Held, mehr für die birmanesische Opposition getan hat, als alle westlichen Regierungen zusammen und alle notorischen Mahner und Wahner, die über einen wie Stallone nur die Nase rümpfen würden.

Sylvester Stallone ist ein guter Mann. Ein sehr guter.