München 1972 – das Design der Bundesrepublik
Die Siebziger Jahre gingen am 5. September 1972 um vier Uhr Morgens zu Ende, als sieben Männer um 4:30 bei Tor 25a in das Olympiadorf in München einstiegen.
Die Männer des Black September trugen erst die Uniform der heiteren Spiele, Adidas-Trainingsanzüge, die heute wieder modern sind, später dann die Uniform der Fedayin, samt AK-47. Folklore war zu der Zeit beides.
Sie brachten einen nationalstaatlichen Konflikt in eine nahezu surreale Zone der postnationalen Inszenierung, in der es keine Nationen mehr gab, keine Uniformen, keinen Staat und keine Staatsorgane.
Das olympische Dorf war quasi zur exterritorialen Zone erklärt worden. Polizisten trugen keine Waffen, sondern himmelblaue Uniformen, die extra designt worden waren und ein wenig an Miami Vice erinnerten. Vom Legalitätsprinzip, das sie gezwungen hätte, jede Straftat, vom Cola-Dosen-Klau angefangen, zu verfolgen, waren sie befreit. Sie waren keine Bullen, sondern frühe Formen dessen, was man jetzt auch immer in Berlin sieht: Lustige Männchen mit Kappen, die keine schlagende Verbindung, sondern “Deeskalations-Teams” bildeten.
Ein paar Tage vor dem 5. September hatte Bandleader Kurt Edelhagen ein Orchester dirigiert, dessen Sound klarmachte, dass die Bundesrepublik keine Nation sein wollte, dass es überhaupt keine Nationen mehr geben würde, sondern dass, was früher Nationen waren, heute nur noch als Zwei-Minuten-Folklore-Einsprengsel im egalitären Disco-Pop eines Potpourris (wie man damals sagte) möglich sein würde. Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft Bundesrepublik hatte eine Botschaft an die Welt. Bildet die nivellierte Weltgeselschaft!Klangteppichhändler Edelhagen (und sein Kumpel, der Bandleader Peter Herbolzheimer) hatten für den Einzug der Nationen extra kleine Folklore-Popstücke für seinen bläserseeligen James-Last-Sound komponiert, die statt der Nationalhymmnen erklangen. Das Kurt-Edelhagen-Orchester hatte das Konzept der Nation regelrecht aus dem luftigen Rund des Olympiastadions herausgeblasen. Nation: das ist ein bisschen erfundene Folklore. Mehr nicht. Pop hatte gesiegt.
Das “Potpourri” der United Nations liest sich so:
A1b Griechenland: Griechsche Sommernacht A1c Argentinien: Fiesta Argentina
A1d Brasilien: On Way To Brasil A2a England: Mr. Big Ben
A2b Nigeria: African Sunset A2c UDSSR: Song For Natascha
A3a Spanien: Flores d’España A3b Korea: Hongkong Parade
A3c USA: Washington Walk A3d DDR: An Der Elbe
B1a Mexico: Mexican Party B1b Puerto Rico: Noche De Puerto Rico
B1c Rumänien: Rumania Trip B2a Frankreich: La Belle Parisienne
B2b Japan: Sukiyaki Blues B2c Italien: Coup San Remo
B2d Uganda: African Lady B3a Irland: Irish Coffee B3b Kenia: Stompin Safari
B3c Bundesrepublik: Hoch Auf Dem Gelben Wagen Auf, Du Junger Wandersmann Horch, Was Kommt Von Draussen Rein
Das Blutsauger-Land des Idi Amin als Heimat der “African Lady”, GULAg-Fan Breschnew als Vorsteher des Landes, in dem fröhlich der “Song for Natasha” geträllert wird, und eine Reise ins Securitate-Land Rumänien wird zum “Rumania Trip”. Nationen gibt es nicht mehr an diesem 24. August im Münchner Olympiastadion. Es gibt nur noch Urlaubsländer, “Destinationen” für den Reiseweltmeister Deutschland. Die UN ist in Wahrheit der Grand Prix de Chansons.
Eine schöne Utopie.
Am 5. September brach dieses postnationale Popkultur-Design der Bundesrepublik in sich zusammen. Brutaler konnte ein nationaler Konflikt nicht in dieses Nirvana der besten Bundesrepublik aller Zeiten einbrechen, die als Logo für München 72 einfach das Zeichen der Lotterie “Glückspirale” übernommen hatte.
Das bonbonfarbene Design von Willy-Deutschland wurde ersetzt durch Polizisten, zunächst noch in Trainingsanzügen, später in Feldgrau, die Wehrmachtsstahlhelme trugen, die damals noch bei der bayerischen Bereitschaftspolzei (und heute noch bei der Feuerwehr) im Einsatz waren. Sie fuhren in Kübelwagen (VW 181) vor, die an den Kübel der Wehrmacht erinnerten.
Später landeten Bell UH-1B-Hubschrauber auf dem Rasen vor dem Pressezentrum. Einige Sportler aus Amerika werde sich an das sonore Knattern des Helikopters erinnert haben: Es war der Vietnam-Hubschrauber. Statt Edelhagens Pop-Sound, war jetzt der Sound von Vietnam im Olympiadorf zu hören.
Das exaltierte Design von München 1972 sah so aus, wie die Bundesrepublik in Wahrheit nicht war. Unter dem Design-Gipfel München 72 gab es keinen Mittelbau. Nachdem die Männer mit den himmelblauen Uniformen abgezogen waren, mussten die Männer mit den Wehrmachts-Stahlhelmen und den Kübelwagen ran. Dazwischen gab es nichts.
München 1972 war die beste Bundesrepublik, die es jemals gab in der besten Stadt, die für diese Utopie des Egalitären 1972 zur Verfügung stand. München.
Nicht umsonst war München später wiederum eine der Haupstädte des egalitären Sounds der Siebziger, Disco, dem sogenannten “Sound of Munich” mit dem Star Donna Summer.
Ein bisschen München lebte weiter. Die Idee, dass deutsche Uniformen nicht wie deutsche Uniformen aussehen sollten, sondern wie Urlaubserinnerungen, lebte in der 1975 eingeführten bundeseinheitlichen Polizeiuniform weiter.
Sie sieht aus wie eine Mischung aus Oberförster und Serengeti-Wildhüter.
4 months ago