April 3, 2008

Neue Heimat: Duisburg-Ruhrort, 1981

1981, die Friedensbewegung hatte ihren Höhepunkt erreicht und eine linksnationalistische, müffelnde Verbundenheit mit dem Lokalen eingeführt (“Grassroots”), da kam Schimi und zeigte, wie ein unkitschiger, ernüchternder Heimatfilm geht. “Duisburg-Ruhrort” von 1981, der erste Schimanski-Tatort, war eben vor allem das: ein Heimatfilm.

Und er zeigte diese Heimat nicht verklärend, nach dem Motto: hässlich, aber die Leute sind ja so nett, Schimanski rennt durch eine absterbende Industrielandschaft. Es gibt keine Romantik in den Duisburger Fabrikruinen, es gibt keinen Charme der gescheiterten Existenzen und Alkoholiker – den emfinden immer nur Studenten auf der Suche nach dem “Echten – es gibt nur einen Schimi, der weggehen würde, wenn er nur könnte, aber er kann nicht.

Schimanski wird in einer späteren Folge sagen: “Verdammt, ich will weg”. Thanner: “Dann spar doch dein Geld und verzockts nicht immer.”

Die Idee, dass schmudellig authentisch ist (und Authentizität ist ja die harte Währung für lustige, moderne Grossstadtbewohner) hat hier keine Chance.

Schon die Exposition von Duisburg-Ruhrort illustriert diese Desillusionierung.

Schimanski ist gerade aufgestanden. Sein erster Gang in seinem billig eingerichteten Appartement führt ihn ans Fenster. Er sieht die untergehende Industrielandschaft des Ruhrgebiets. Er sucht etwas zu Essen. Im Kühlschrank findet er nur drei Eier, die er nicht braten kann, denn das gesamte Geschirr ist in der Spüle.

Schließlich kippt er die rohen Eier in einem Glas wie einen Klaren herunter.

Dazu läuft der Song “Leader of the pack” von den Shangri-Las:

I met him at the candy store
He turned around and smiled at me - you get the picture
Thats when I fell for - the leader of the pack

My folks were always putting him down
They said he came from the wrong side of town
They told me he was bad
But I knew he was sad
Thats why I fell for - the leader of the pack.

One day my dad said “find someone new”
I had to tell my Jim we were through
He stood there and asked me why
But all I could do was cry
Im sorry I hurt you - the leader of the pack.

He sort of smiled and kissed me goodbye
The tears were beginning to show
And as he left me on that rainy night
I begged him to go slow
But whether he heard, Ill never know

I felt so helpless - what could I do?
Remembering all the things wed been through
At school they all stop and stare
I cant hide the tears, but I dont care
Ill never forget you - the leader of the pack.

The leader of the pack - now hes gone
The leader of the pack - now hes gone
The leader of the pack - now hes gone…..


Die verlogene Ruhrpott-Romantik wird hier gründlich auseinandergenommen.

Die Idee schmuddelig ist romantisch (wenn es nicht zu schmuddelig ist und ein Bioladen in der Nähe ist) lebt fort in den Hirnen von Studenten und liberalen Freiberuflern, deren Urangst es ist in “zu schicken” Stadtteilen zu leben, die nicht “authentisch” sind und die gerade deshalb in Disneyland-Stadtteilen wie Berlin-Prenzlauer Berg enden müssen.

Der Witz: in Berlin zum Beispiel ist der Westen jetzt der Osten und der Osten der Westen. In Prenzlauer Berg bestimmen jetzt aus dem Westen zugezogene Beamten und Freiberufler die Richtung.

In der Gegend um den Bahnhof Zoo himgegen sieht es aus wie in Bukarest, ca. 1984.

Keiner von denen Prenzl’ Berg-Bewohnern würde jemals in Duisburg-Ruhrort wohnen wollen, oder in Berlin-Wedding oder München-Moosach, obwohl der Niedergang, das Schmuddelige, das Elend der Unterschicht dort sehr real, sehr “authentisch” ist.

So handelt Schimanski eben auch von der Dekonstruktion einer verlogenen Romantisierung.