April 6, 2008

Hymmne an den "Doppelpass"

Wer in Berlin in das Café “FC Magnet” geht, kommt in die Hölle. Es ist die Zitatenhölle des Berliner Trainingsjacken-Milieus. Unten im Keller klebt die Fototapete mit Fussballspinden, oben ist ein Photo der “FC Magnet”-Fussballmannschaft, natürlich komplett in adidas-Oldschool-Jacken eingekleidet. Der unvermeidliche St.-Pauli-Wimpel hängt über der Theke.

Das Elend dieses Milieu (des gesamten sogenannten hedonistischen Milieus) ist, dass man alles ironisieren muss. Fussballanhängerschaft ist immer irgendwie ironisch, man will sich and den ehemaligen Proletensport ranschmeissen, bleibt aber natürlich Akademiker-Milieu. Man will leidenschaftlich sein – aber es bleibt bei der Simulation. Man will maskulin sein und den Männersport zelebrieren – und simuliert sich dann doch eine Welt zusammen, in der allzeit “St. Pauli-Fans gegen rechts” sind, anstatt gegen den menschenrechtsverletzenden Klopperfussballl der eigenen Manschaft und über Gewalt die Nase gerümpft wird (während sie wohl eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Massengesellschaft ist).

Hobby-Mannschaften heissen allzeit “Blutgrätsche” oder “Abseitsfalle”.

Die Intelektualisierung des Fussballs hat so weite Kreise erfasst, dass Trost nirgendwo zu finden ist. Mit einer Ausnahme: Bei der Sendung Doppelpass, dem “DSF-Stammtisch” spielen die Teilnehmer ungeniert eben mit jener Stammtisch-Mentalität auf, die im “FC Magnet” nur Ironie sein kann.

Die Szenerie ist unwahrscheinlich und es ist verwunderlich, dass die Sendung, der einzige wirkliche letzte Ort des Fussball-Proleten, noch nicht irgendeiner Zensur zum Opfer gefallen ist: die durch Spesenrittertum und massiven Alkoholmissbruach ausgeleierten Gesichter, die männerbündische Kumpelei, die mental den Daumen immer hinterm Hosenträger hat, der ungezügelte Stammtisch-Populismus, das ungehemmte Gelabere über “Leistung bringen”, “an der eigenen Nase fassen”, das Lamentieren über “die Medienlandschaft” und der unvermeidliche Udo Lattek. Im Hintergrund pfeifen sich rotköpfige Ausflugsgruppen dazu das dritte Warsteiner rein.

Der Doppelpass ist so angenehm, weil der Staamtisch sich in einem Bereich austoben kann, in dem er keinen Schaden anrichtet: Im Fussball. Man kann sich an etwas erfreuen, das, wenn es zum Beispiel um Politik ginge, einem zuwider wäre.

Man möchte nicht wissen, was Udo Lattek über die da oben, oder die Steuerreformm oder Hartz IV denkt. Man will von Udo einen Spruch über Klinsi, Kevin und Ollie.

All das Personal, von Lattek bis Basler ist einem ja irgendwie so schon zuwider, aber es ist unterhaltsam, solange es mit seinen Mentalitäten, die anderswo gefährlich wären keinen Schaden anrichten kann.

Denn das, was im Fussball der Versager ist, der “keine Leistung bringt”, das würde am Politik-Stammtisch zur “sozialen Hängematte”.

Sonntags um 12 sind wir dabei, wenn der Doppelpass kommt. Es steht zu befürchten, dass das Milieu, deren Hobby-Mannschaften immer “Blutgrätsche” oder “Abseitsfalle” heissen, das Trainingsjacken-Milieu, das längst auch weiss. Denn nichts suchen diese blutarmen Ironiker mehr als ” Authentizität”. Hier ist sie.