Schmidt! Schnauze!
Der sogenannte “Kult” ist das Hobby der Dummen. Wo alles gleich erscheint, versprechen Schrullen und Entgleisungen von früher, auch wenn es sich nur um Dinge handelt, die einst ganz normal waren und heute nur seltsam erscheinen, Originalität und Authentizität.
Und wer sich zum “Kult”, seien es alte Schlager oder DDR-Trikots aus den 70er Jahren, oder sei es eben Helmut Schmidt bekennt, der glaubt er beweise Kennerwissen und Originalitätsempfinden. Letzteres scheitert aber schon meistens daran, dass “Kult” meistens mit geistiger Gleichschaltung und Selbstentwürdigung (man denke nur an die ironisierende Schlagerwelle der 90er) verbunden ist.
“Kult” ist die entkernte Geschichtsbetrachtung für Blöde, für die es schon als Qualitäts- und Originalitätsbeweis, etwa im Falle Helmut Schmidts, reicht, dass der Mann seit 75 Jahren raucht (Rheyno White), Unmengen Cola trinkt und Schnupftabak konsumiert.
Helmut Schmidt war ein guter Kanzler. Er hat die RAF auseinandergenommen. Er hat als intelligenter Mann erkannt, was die russischen SS-20 strategisch bedeuteten, nämlich die strategische Abkoppelung von den USA. Deshalb hat er den Doppelbeschluss erfunden und gegen den Willen des Schwätzers und Amateurs Jimmy Carters und gegen den Willen hysterisierter, irrationaler Apokalyptiker (also fast aller Deutschen) durchgesetzt. Er mochte den Moralapostel Jimmy Carter nicht. Er spielte mit Lennie Bernstein Klavier und hat mit Eschenbach und Justus Frantz ein Klavierkonzert eingespielt. Der Mann mit dem Einstecktuch hat die muffige Bundesrepublik größer erscheinen lassen, als sie war. Das ist keine schlechte Bilanz.
Doch nun sollte er schweigen, wenn er nur das zu sagen hat, was er offensichtlich zu sagen hat.
Ulrike Posche hat sich im “Stern” dem Altkanzler genähert und erklärt, warum “Schmidt “Kult” ist:
“Ein Klartext-Redner ist er, einer, der sich von niemandem etwas verbieten lässt - außer vom Gesetz und seinem Gewissen. Ein Held unserer Zeit. Er sagt, was Gott verboten hat. Er will kein Ideal sein, für niemanden.”
Ich muss zugeben: Ich verehre Helmut Schmidt als Kanzler. Aber nur als Kanzler. Schmidt sollte nur nach seinen Taten als Bundeskanzler beurteilt werden, da schneidet er ganz gut ab.
Angesichts der Dumpf-Weisheiten jedoch, die Helmut Schmidt als sogenannter Elder Statesman verbreitet, ist er weit davon entfernt für mich ein Ideal zu sein.
Umso schlimmer, dass die schlichten Wahrheiten des Mannes aus Wandsbek in Deutschland als sensationelle Offenbarungen gefeiert werden.
Beispiele gefällig?
Schmidt: “Sie sind sich nicht einmal über den Kosovo einig. Zehn Jahre nach der Intervention! Sie sind sich nur einig über den Bau von Drahtseilbahnen und das Beschriften von Zigarettenschachteln”
So redet der Mann vom Stammtisch, das kommt an. Leider. Was die da oben wieder machen und dann Brüssel, das nur die Krümmung der Bananen vermisst und sich mit Zigarettenschachteln und Seilbahnen beschäftigt. Unglaublich originell vom Weltendenker. Dass die NATO das Schlachten im Kosovo beendet hat – wen interessiert das schon angesichts von Zigarettenschachteln.
Schmidt: “”Demokratischer als das Land Putins war Russland nie zuvor.”
Mag sein. Aber Schmidt will sagen: Deshalb sollten wir uns nicht einmischen, wenn die Winde des Wandels durch die russische Steppe wehen und das riesige Rad der Geschichte sich dreht und ein paar Leute, Journalisten, Regierungskritiker, Freaks, zermalmt. Was soll’s.
Schmidt steht, leider, für einen typischen sozialdemokratischen Stabilitätsfetischismus, der Politik nur als Kontakt unter offiziellen Regierungsstellen verstehen kann. Das war schon in den 70ern und achtzigern so. Anders ist es ncht zu erklären, dass die SPD, einst selbst soziale Bewegung von unten, keinerlei Interesse zeigte, sich mit der aufkeimenden Opposition sowohl in Polen (Solidarnosc) noch in der DDR ins Vernehmen zu setzen. Da sprangen die Grünen ein. Und die CIA.
Zusätzlich äusserst unangenehem: Beim Thema Russland wird der alte deutsche Mythos, Russland brauche eine harte Hand, sonst sei es unregierbar aufgefahren. Eine Beleidigung, und wie schon im Fall Polen 1981, Missachtung mutiger russischer Oppositioneller. Dieser Muff aus der deutschen Ideengeschichte ist also die sensationelle Einsicht aus Hamburg, wie wir uns gegenüber Russland, das gerade wieder anfängt seine kleinen osteuropäischen Nachbarn zu bedrohen, verhalten sollten.
Auch in China wird Geschichte gemacht, auch da gibt es Opfer, aber auch da dreht sich eben das große Rad und was sind ein paar Menschenleben im grossen historischen Massstab. In China ist alles knorke, findet Schmidt:
“Es geht der Masse der 1300 Millionen Chinesen - das sind mehr als 15-mal so viel, wie wir in Deutschland haben - besser denn je. Natürlich bringt das auch Ungerechtigkeiten mit sich! Viele Leute wollen auch Auto fahren und können es sich nicht leisten. Viele Leute im Hinterland haben nicht denselben Lebensstandard wie die in Shanghai, in Hongkong oder weiß der Kuckuck. Gerechtigkeit ist doch eine Illusion”
Der Höhepunkt der Schmidtschen Gross-Weisheiten, verbunden mit einem Seitenhieb, der ja immer gut ankommt:
“Ich finde, anderen Ländern beizubringen, wie sie ihr Land einrichten sollen, das sollten wir den Amerikanern überlassen.” “Die Sachsen jubelten, klatschten, feixten wie in alten Zeiten.”
Zustimmungsrate wie in Honecker-Zeiten, das kann man sich vorstellen. Welche Niedertracht darin steckt, dass der Satz von einem Mann gesagt wird, dessen Land es mal ganz dringend nötig hatte, von den Amerikanern gesagt zu bekommen, wie man es einrichten sollte -– haben es die Zuhörer mitbekommen? Oder ist der Ossi-Antiamerikanismus mit dem gehobenen Sozi-Antiamerikanismus endlich ein Bündnis eingegangen?
Nochmal: Helmut Schmidt war ein guter Bundeskanzler. Danach sollte man ihn beurteilen. Und den Fernseher ausschalten, wenn der Elder-Statesman seine Weisheiten auspackt.
Unfassbar, dass die Überlegungen einen Mannes, der selten das Niveau eines Wirthaus-Grantlers überschreitet, in Deutschland als Offenbarungen gelten.