Sauberer Nazi-Sprech mit Franziska Drohsel
Die Juso-Vorsitzende möchte das denken, was Nazis denken, nur irgendwie sauberer ausdrücken
Es gibt Menschen, die stehen morgens auf und sofort meldet sich die quälende Frage zu Wort, mit der sie schon am Abend zuvor ihren unruhigen Schlaf gesunken sind: Wie kann ich dem internationalen Finanzkapital den Garaus machen, wenn ich es wegen der Sache mit den Juden nicht mal so nennen darf? Wie den Kapitalismus fertig machen, wenn auch die Nazis gegen ihn waren? Wie kann ich wie ein Nazi denken, ohne so zu reden?
Es ist das klassische deutsche Problem.
Franziska Drohsel, Juso-Vorsitzende, ist so eine. In der “Welt” hat sie sich Gedanken gemacht, wie man das Problem lösen könnte.
Die Lösung wäre ganz einfach: Wer nicht im antikapitalistischen und dadurch zwangsläufig eben auch antisemitischem Sprachmüll versinken will, der hat nur eine Chance: er muss sich vom Antikapitalismus trennen.
Das will Drohsel natürlich nicht, stattdessen wird jammernd an der Sprachoberfläche des eigentlichen Problems rumgedoktert.
Drohsel über “internationales Finanzkapital”:
“In der Wortwahl steckt unausgesprochen die Behauptung, dem negativem internationalen stehe ein positives nationales Kapital gegenüber. Dies negiert zum einen die strukturellen Zwänge ökonomischer Akteure in kapitalistischen Wirtschaftssystemen, ganz gleich, ob sie nun “national” oder “international” agieren.”
Das übliche Politikseminar-Geschwurbel will sagen: “internationales Finanzkapital” darf man nicht sagen, weil sonst das “nationale” zu gut wegkommt. Und bei “National” läuten alle Alarmglocken. Und damit würde außerdem nur von dem Umstand abgelenkt, dass es das Finanzkapital an sich ist, das böse ist.
Drohsel weiter:
“Lehnt sich linke Politik an diese Redeweise an, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, antisemitisch zu argumentieren oder zumindest einer solchen Argumentation Vorschub zu leisten.”
Diesen Vorwurf muss sich linke Politik nicht nur dann vollkommen zurecht Gefallen lassen, wenn sie die Worte der Nazis gebraucht, sondern es reicht auch, wenn sie deren Irrtümer teilt. Egal, in welcher Seminarsprache sie die ausdrückt.
Drohsel:
“Auch die Nationalsozialisten teilten das Kapital in “gut” und “böse” auf. Sie sprachen jedoch von “raffendem”, also spekulativem, und “schaffendem”, also produktivem Kapital. Das “raffende” Kapital wurde dann mit den Juden als deren böse Agenten identifiziert, die für alles Schlechte verantwortlich gemacht wurden und deshalb aus der Welt geschafft werden sollten. Das historische Ergebnis dürfte bekannt sein.Das Problem ist nicht der Gegensatz von gutem und schlechtem Kapitalismus, sondern der Kapitalismus an sich.”
Dass das Problem rethorisch nicht zu lösen ist, weil es am ähnlichen Gedankengut von ganz rechts und ganz links liegt, darauf kommt Drohsel nicht. Sie will die saubere antikapitalistische Sprache. Aber es gibt eben keinen sauberen Antikapitalismus. Das ist das Problem.
Normalerweise sind eigentlich kreuzbrave, wirre Bürgerstöchter, die mit dem Gedanken auflaufen: “Wir brauchen eine andere Ordnung” (Drohsel im Tagesspiegel, 8.3.2008) und weiterhin ausführen: “Grundsätzlich würde das natürlich schon bedeuten, dass man das Marktprinzip als gesellschaftsstrukturierendes Element aufhebt”, zu ignorieren.
Anti-Bürgerlichkeit ist Privileg der Bürgerlichen. Anti-Kapitalismus Privileg der Menschen, die am besten im Kapitalismus leben.
Das Drohsel-Problem zorniger junger Frauen löst sich irgendwann. Im schlimmsten Fall, in dem man tot in der Zelle in Stammheim liegt (Gudrun Ensslin), im besten Fall, indem nach dem Lehramts- oder wie im Fall Drohsel Jurisprudenz-Studium die Höchststrafe folgt: Der Staatsdienst oder ein gut dotierter Job im Zentrum des verhassten Systems.
Im Falle des bösen Buben Trittin folgte auf K-Gruppe und Hardcore-Kommunismus die Forderung nach einer Koalition mit der CDU. Ähnlich wird es auch bei Drohsel sein, wenn alles gut läuft.
Vorher werden unschuldige Bäume gefällt, damit Papier mit Versuchen bedruckt werden kann, die saubere antikapitalistische Sprache zu erfinden.
Natürlich vergeblich: Denn der linke und rechte Antikapitalismus gehört untrennbar zusammen, und wird immer zusammengehören, weil er aus derselben deutsch-romantischen kultupessimistischen, antiwestlichen Wurzel entstammt.
Ich hatte gehofft, von der wolle sich Drohsel unter der Überschrift “Juso-Vorsitzende kritisiert linken Antisemtismus” trennen.
Die Kategorien “links” und “rechts” waren nicht nur hier schon immer völlig irrelevant.
All das wäre egal, wäre der Quatsch nicht aus dem Hirn der Nachwuchshoffnung der grossen sozialdemokratischen Partei Deutschlands entsprungen.