May 25, 2008

Hymnenkritik II - Marvin Gaye: Star Spangled Banner

Marvin Gaye

Text:

Oh, say can you see by the dawn’s early light
What so proudly we hailed at the twilight’s last gleaming?
Whose broad stripes and bright stars thru the perilous fight,
O’er the ramparts we watched were so gallantly streaming?
And the rocket’s red glare, the bombs bursting in air,
Gave proof through the night that our flag was still there.
Oh, say does that star-spangled banner yet wave
O’er the land of the free and the home of the brave?

Dass einer die Mütze abnimmt und die Hand aufs Herz legt wenn die Hymne gespielt wird – das wird man hierzulande nie verstehen.

Befremden löst das Ritual aus – vollzogen in den Vereinigten Staaten vor jedem drittklassigen Basketball-Spiel und ebensolchen Punkkonzerten. Vielleicht ein überlegenes Schmunzeln des Musterknaben unter den postnationalen Staatswesen dieser Welt. Meistens aber ein Stirnrunzeln, denn wer sowas Kriminelles macht, der bombt auch.

Ja der Ami-“Chauvinismus” löst Überlegenheitsgefühle in dem Land aus, in dem Gustav Heinemann schon 1969 den verbissenen Tagesbefehl ausgab, seine Frau, aber nicht sein Land zu lieben. Eine Anordnung, die Joschka Fischer und Gerhard Schröder dann aber auch nicht befolgten.

Während den Deutschen auch ihre angeblich so lockere Postnationalität zum Super-Krampf misslingt (“Tagesbefehl: Frau lieben! Land nicht!”), machen die Amerikaner auch noch aus dem Ritual des Landlieben eine Geste grosser Lässigkeit.

Jeder grosse Popstar in den USA singt irgendwann mal vor dem Super Bowl oder den Basketball-Playoffs “Star Spangled Banner”.

Doch es blieb dem grossen SoulSänger Marvin Gaye vorbehalten aus der Nationalhymmne ein Werk zu formen, das sich nahtlos in sein Gesamtwerk einfügt, in dem es ja bekanntlich nur um eine Sache ging: Die Freuden des Geschlechtsverkehrs.

Was Gaye ca. 1980 oder 81 hier vorträgt steht in einer Reihe mit dem kreisenden Becken von “Elvis the Pelvis” oder den Versautheiten Frank Sinatras und dem Rat Pack.

Das sexualisierte körperliche Auftreten Gayes passt sogar gut zum Text über das “Land of the free”, denn das Land, das mittels Popmusik ja ein grosses Versprechen auf Glück und Befreiung in die Welt gesetzt hat, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika.

Marvin Gayes Auftritt ist somit nicht die Verhöhnung der Hymne, auch nicht die Darbietungsform, die Intelektuelle so toll finden, die “Dekonstruktion”, sondern eine lässige, gelungene Interpretation.

Die wahre Stumpfheit der Brachialsymbolik, mit der sich Jimi Hendrix der Hymne angenommen hat, eine Symbolik, die natürlich einen legendären Ruf bei deutschen Brachial-Deppen genießt (“USA-SA-SS”), kann erst so richtig ermessen, wer Marvin Gayes raffinierten Auftritt gesehen hat.

Doch auch das weniger sexualisierte Absingen der Hymne, etwa in den famosen Auftritten von Anita Baker oder Destiny’s Child lässt einen neidisch werden auf den Spass, den die unironische Nation mit ihren Symbolen hat.

Claus Kleber ist ja mal erwischt worden, wie er nach einem Beitrag aus den USA, der mit der National Anthem endete im Mainzer Studio nicht schnell genug die Hand vom Herz bekam.

Ich kann das verstehen.

Meine Damen und Herren: “Land of the free, Home of the brave”.

Mister Marvin Gaye performing the Pursuit of hapiness!

Wie gesagt: Wir können das nicht und wir sollen das nicht. Es passt nicht. Aber trotzdem gilt die Parole “Maul halten”, wenn Amerikaner das machen.

Hand aufs Herz!

  1. jostkaiser posted this